Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 11 (10.3.1918)
- Article
- Zur Regierungserklärung
- Date
- 1918-03-10
- Page
- Seite 262 (sequence 4)
- Language
- German
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262 Icann die Gewährung von Minderheitsrechten überhaupt und tiberall nur Sache der Beteiligte n s e lb s t s ei n! Und daher wenden wir uns von jeher an die öffentliche Meinung der Kulturwelt im allgemeinen und der großen und berühmten polnischen Nation im besonderen. Wir sind der Meinung — andere dürfen anderer Meinung sein —, daß binnen kurzer Zeit nur diejenigen Staaten als „Kulturstaaten" anerkannt sein werden, in denen nicht nur das Prinzip der Gleichberechtigung, sondern auch das der sprachlich-kulturellen Autonomie Geltung haben wird, ebenso wie seit 1648 nur diejenigen Staaten als Kulturstaaten anerkannt sind, in denen das Prinzip der konfessionellen Autonomie Geltung hat. Wir beschwören die Polen selbst, die Zeichen der Zeit richtig zu erkennen, ihr neues Haus von vornherein so einzurichten, daß •es ein Heim für alle Bürger sein kann; ihr Land so zu ordnen, daß aus voller Eintracht Segen, Reichtum und Macht sprießen können, die wir dem unglücklichen Lande aus ganzem Herzen wünschen, wir, die wir nicht vergessen haben, wie unsere Väter für das -zertretene Polen schwärmten, wir, die wir immer für ihre Rechte dort eingetreten sind, wo sie selbst in -der „M inderheitu waren! Das alte Europa liegt auf der Esse Gottes im Schmelzkessel der Geschichte. Seine Schlacken sollen ausgeglüht werden, blank und neu soll es zu neuen Geschicken schreiten. Die Männer, die nach dem Schluß dieses furchtbaren Krieges die „zuständigen Instanzen" aller europäischen Länder sein werden, werden andere Ideen haben, werden andere Ziele verfolgen und sich anderer Mittel bedienen als diejenigen, die heute noch als Statthalter der Heimkehrenden die Geschäfte verwalten. Wir glauben, daß ein gewaltiger Wille herrschen wird, gründlich und womöglich für immer Ordnung zu schaffen, Klarheit zu Schäften, Gerechtigkeit zu schaffen; wir glauben, daß die Männer, die über die Drahtverhaue geschritten sind, auch über Vorurteile zu -schreiten fähig sein werden; wir glauben, daß viele alte Werte zerschlagen und neue Werte aufgerichtet werden. Und von diesem neuen Geist erwarten wir die Lösung der Minderheitsfragen, der Judenfrage, nicht von papierenen Paragraphen und erzwungenen Zugeständnissen. Wenn uns dieser neue Geist nicht in dem Ganzen dessen beschert wird, was sich heute prahlerisch „Kulturwelt" nennt, dann bleibt mit tausend anderen Fragen auch die Ostjudenfrage ungelöst, und es ist nur -ein trübes Flüßchen mehr, das sich ins Meer des Unheils ergießt. Wird $r uns aber beschert, und das hoffen wir, das wagen wir zu hoffen, trotz alledem und alledem, dann nimmt der starke Strom des Heils auch das zerbrechliche Schifflem der Ärmsten der Armen mit, der unglücklichen Juden des Ostens.