Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 11 (10.3.1918)
- Article
- Zur Begründung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1918-03-10
- Page
- Seite 258 (sequence 5)
- Language
- German
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258 2. Dem Mangel in der jüdischen Gelehrsamkeit steht zur Seiteder in der religiösen Bildung der modernen Juden. Dieser Mangel ist offenkundig und er richtet uns großen Schaden an, besonders im protestantischen Urteil über unsere religiöse Gesinnung. Keineswegs ist etwa der Religionsunterricht, wie er gelehrt und wie er aufgenommen wird, allein an diesem großen Übelstande schuld. Aber es darf nicht in Abrede gestellt werden, daß ein Teil der Schuld ihm allerdings hierbei zufällt. Es genügt hier auf die bekannte Tatsache hinzuweisen, daß die Notwendigkeit seiner Verbesserung allgemein empfunden wird. Die Art dieser Verbesserung ist ein schwieriges Problem, zu dessen Lösung wir hier nur von dem Gesichtspunkte unserer Akademie beitragen möchten. Der unbestrittenste Satz der gesamten Unterrichtslehre ist es, daß nur derjenige der richtige Lehrer sein könne, der sein Lehrfach wissenschaftlich beherrscht, und bei der zentralen Bedeutung der Religion für das gesamte Innenleben des Menschen muß es daher' um so dringlicher zu fordern sein, daß der Religionslehrer an der höheren Schule mit dem ganzen Umfange der Literatur und Geschichte des Judentums vertraut sei. Dem Rabbiner allein kann es auf die Dauer bei der Fülle seiner für das?redigtamt, für die Seclsorge, für die soziale Stellung der .Juden und endlich für seine wissenschaftliche Repräsentation nicht aufgebürdet werden, den wissenschaftlichen Religionsunterricht, wie er an den höheren Schulen erforderlich ist, allein zu verwalten. Nun trifft es sich, wie für einander berechnet, daß die beiden sachlichen Interessen unserer modernen Religiosität, die Gelehrsamkeit und die allgemeine Bildung, mit den beiden technischen Interessen sich verbinden, welche selbst ihrerseits in der Aufgabe der Akademie sich zusammenschließen. Wir haben das wichtige Moment der Besoldung in Betracht gezogen, welches die Akademie für die Berufswahl des jüdischen Studenten der Geisteswissenschaften in Aussicht stellt. Diese Besoldung kann jedoch in absehbarer Zeit keine vollkommen ausreichende sein, sofern sie nur auf die theoretische Leistung einer Forschungsarbeit bezogen bleibt. Es ist nun aber zu erwarten, daß der junge jüdische Gelehrte von der Wichtigkeit der religiösen Bildung in unserer Jugend Einsicht gewonnen habe, und daß daraus das Pflichtgefühl in ihm erwacht ist, nach unserer alten Losung das Lernen mit dem Lehren zu verbinden, um im Lehren wiederum in seiner eigenen Entwicklung innerlich zu wachsen. So< verbinden sich in dem jungen Pflänzling der Akademie die Wissenschaft und die Bildung zu dem einheitlichen Zwecke der Stärkung unserer Gemeinschaft. Ebenso aber gehen auf diesem Wege auch die beiden materiellen Fragen der Besoldung zusammen. Wenn doch die Akademie selbst für den vollen Lebensunterhalt ihrer Jünger vorerst nicht ausreichende Mittel zur Verfügung haben dürfte, so werden sich unter ihnen viele so bereit als geeignet finden, an die höheren Schulen der Provinz hinauszugehen, um dort den wissenschaftlichen Religionsunterricht zu übernehmen. Und in jenen Städten wird es den Gemeinden oder einzelnen Verbänden der Eltern ein leichtes sein, einem solchen Religionslßhrer