Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 11 (10.3.1918)
- Article
- Zur Begründung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1918-03-10
- Page
- Seite 256 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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:256 Um diesen Mängeln abzuhelfen,, entstand vor einem Jahrzehnt etwa die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums". Schon der Titel läßt den Zweck erkennen, auf dem diese Gesellschaft vornehmlich sich einschränkte,. Die Wissenschaft soll durch sie gefördert werden. Dies bezweckt sie, und dies leistet sie in rühm würdiger Weise, indem sie große Werke zur Publikation gebracht hat, und zwar nicht nur durch die Subvention von ihr angebotenen Arbeiten, sondern durch die Aufstellung von Plänen und Grundrissen für neue und eigenartige wissenschaftliche Unternehmungen. So großzügig diese Leistungen der Gesellschaft sind, so beziehen sie sich doch immer nur auf die Hervorbringung und die Her vorruf ung von wissenschaftlichen Werken. Diese Förderung der Wissenschaft ist ihr ausgesprochenes Ziel. Wie jedoch keine Wissenschaft, so darf auch die Wissenschaft de? Judentums nicht ausschließlich in der Abstraktion von literarischen Produktionen gedacht werden. Wahrhaft lebendig wird sie erst in den Urhebern, in den Schöpfern der wissenschaftlichen Werke. Es kann daher nicht geniigen, in den literarischen Erzeugnissen die Wissenschaft des Judentums zu fördern: sie muß vorab gefördert werden in eleu lebendigen Menschen, welche dieser Wissenschaft sich widmen, welche dieser Forschung obzuliegen zu ihrer Lebensaufgabe machen. Und es kann weder dabei sein Bewenden haben, daß die Rabbiner die alleinigen Träger der Wissenschaft des Judentums bleiben, noch dass zeitweise einzelne Gelehrte unterstützt werden. Von verschiedenen Seiten wurde daher schon seit geraumer Zeit dem Gedanken Raum gegeben, daß etwas Neues geschehen müsse, um das Leben der jüdischen Wissenschaft und dadurch das der Religion selbst vor der sonst unvermeidlichen Erstarrung zu schützen. Man nahm wiederum zu dem Gedanken der Fakultät seine Zuflucht, aber es war schon sehr verräterisch, daß man sogar mit einer jüdischen Professur an einer Universität vorlieb nehmen wollte. Wie sollte man aber mit einer solchen Einzelprofessur, wie sollte man sogar mit einer Fakultät auszukommen hoffen, wenn als das Problem nicht sowohl das Abstraktum der jüdischen Wissenschaft erkannt wurde, sondern das konkrete Lebensproblem einer jüdischen Gelehrtenwelt! 1, Es ist nun das Verdienst des jungen Historikers und Philosophen, . ^des Dr. Franz Rosenzweig, der mit heiligem Glaubenseifer von seinem Felddienst aus in seiner Abhandlung „Zeit ist's" den Aufruf an die •deutsche Judenheit richtete, der sicherlich von den Juden der gesamten Kulturwelt aufgenommen werden wird: der größte Mangel und der tiefste Notstand, unter dem wir leiden, bestehe in diesem Personenmangel an .jüdischen Gelehrten. Hierin liegt der Grund unserer Ohnmacht, unserer Unzulänglichkeit auch gegenüber den Verlockungen unserer Gegner, die uns vernichten wollen. Die Anzahl unserer Rabbiner, und wenn sie noch so Treffliches leisten, sie reicht nicht aus, um alle die verschlungenen geistigen Fragen zur Lösung und zur Schlichtung zu bringen, welche Geist und Gemüt •des Juden auf der Schule und auf der Universität bestürmen, um ihn