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Neue jüdische Monatshefte · 1918-03-10 · Heft 11 (10.3.1918) · p. Seite 255

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 11 (10.3.1918)
Article
Zur Begründung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Date
1918-03-10
Page
Seite 255 (sequence 2)
Language
German
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255 Ersatz darbot für die Lücken, die in der jüdischen Laienwelt durch die Verminderung des Thorastudiums in ihren Reihen entstanden waren. Die Gelehrsamkeit war in den jüdischen Massen verringert, aber in den Rabbinern mit der modernen Wissenschaft verschmolzen worden. So wichtig nun aber diese Wandlung für den Rabbinerstand und demzufolge auch für die kulturelle Physiognomie der Gemeinde wurde, so mußte allmählich doch der Mißstand fühlbar werden, daß der Gelehrtenstand schlechterdings zusammenfiel mit dem Rabbinerstand. Dies war nicht nur eine Anomalie in der jüdischen Geschichte, sondern es bedeutete auch ein Mißverhältnis zu den Anforderungen einer jeden Pflege der Wissenschaft und insbesondere zti den Aufgaben der Wissenschaft für die Erhaltung des geistigen Lebens innerhalb einer lebendigen Religion, die als Kulturreligion sich behaupten will. Die Anzahl der freien Gelehrten darf in einer religiösen Gemeinschaft nicht beschränkt sein auf die Anzahl der amtierenden Geistlichen. Die Wissenschaft des Judentums war daher kaum entstanden, da regten sich schon die Forderungen nach einer jüdisch -theologischen Fakultät. Diese Stimmen sind bis zum heutigen Tage nicht verstummt, ebensowenig aber befriedigt. Auch hier trat zwar die entsprechende Aushilfe ein. Die Fakultät freilich konnte nicht geschaffen werden: dafür aber wurden Rabbinerseminare ins Leben gerufen. Immer jedoch blieb der Gedanke vorherrschend, daß die Rabbiner allein die Trager der jüdischen Wissenschaft seien und den Umständen nach sein müssen. Eine Ausnahme wagte sich in Berlin hervor: die als Hochschule gedacht war, als solche aber nicht genehmigt wurde, immerhin doch wenigstens als Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums sich auftat, nicht somit als jüdisch-theologisches Seminar, noch als jüdischtheologische Lehranstalt sich ankündigte. Und in der Tat haben an dieser Lehranstalt Juden und auch Christen studiert, und die Prüfungen werden dort noch heute abgesondert von den Rabbinatsprüfungen vorgenommen. Indessen bilden diese Hörer doch nur verschwindende Ausnahmen gegenüber der Mehrzahl derjenigen, welche an dieser Lehranstalt ihre Studien machen, um für ein Rabbineramt befähigt zu werden. Also auch diese dem reinen wissenschaftlichen Zwecke errichtete Lehrstätte konnte vornehmlich nur Rabbiner hervorbringen, nicht aber den Mangel, an freien jüdischen Gelehrten ersetzen. Ks machte sich daher in der Produktion der jüdischen Forschung eine Stockung fühlbar, obgleich den Rabbinern ein erstaunlicher Fleiß und eine bewunderswerte Schaffenskraft-nachzurühmen ist. Sie konnten dennoch allein den Bedürfnissen nicht Genüge leisten, welche die moderne Zeit an neuen Problemen und durch neue Stoffzufuhr hervorrief. Und wenn es selbst einem isolierten Gelehrten gelungen war, eine literarische Arbeit zu vollbringen, so war es schwer, einen Verleger für die Arbeit zu finden. Es fehlten die Betriebsmittel, ohne welche ein wissenschaftliches Leben sich nicht fruchtbar und wirksam erhalten kann.

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