Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 11 (10.3.1918)
- Article
- Ukraina
- Date
- 1918-03-10
- Page
- Seite 253 (sequence 5)
- Language
- German
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253 wachseno mächtige ostjüdische Volkskörper unter den Qualen einer schmerzhaften Vivisektion. Ein dankenswertes Geschick hat die bedeutsamsten und lebenswichtigsten Glieder zu neuem einheitlichen Wachstum unter russischem Zepter vereinigt, während das abgetrennte galizische Glied der Verkümmerung anheimfiel. Was wird nunmehr das Schicksal der getrennten Glieder in Polen, in Litauen, in der Ukraine sein? Was bringt eine nationale Emanzipation, die mit der nationalen Dispersion Hand in Hand geht? Wohl wissen wir, daß der fortschreitende Artischokierungsprozeß des Russenreiches auch den exterritorialen Volksminderheiten einen bedeutsamen Vorteil bringt. Den Juden vor allem. Die Gefahr, einer herrschenden, übermächtigen Fremdkultur zu erliegen, drohte ihnen mehr als alles andere. Und sie waren im Begriff, ihr zu erliegen. Man irrt sehr, wenn man glaubt und glauben macht, das große russische Judentum wäre von 'der Assimilation verschont geblieben. Es trifft zu, insofern man eine Gesinnungs- und Übcrzeugungsassimilation im Auge hat. Diese Made-in-Germany-Assimilation ist kein Ausfuhrartikel nach dem Osten. Der „Russe mosaischer Konfession" ist noch nicht erfunden. Dieser tröstliche Umstand verschlägt jedoch herzlich wenig gegenüber der Tatsache, daß die jüdische Gesellschaft des Ostens in den letzten Dezennien in allen ihren Schichten, vom Großbürger bis zum Geistesmenschen, vom Handwerker bis zum Proleten, einer ziemlich rapid fortschreitenden R u s s i f i z i e r u n g verfiel. Die Assirnilations i d e e war unmöglich, die Assimilation in W i r k 1 i c h - k e i t schien unvermeidlich. Denn unwiderstehlich und unüberwindbar war die Zentripetalkraft des elementargewaltigen großrussischen Kulturgeistes. Diese Zentripetalkraft ist jetzt gebrochen. Die politische Dezentralisation wird in noch stärkerem Maße eine kulturelle zur Folge haben. In der entstehenden Vielfältigkeit der kulturellen G ravitationstendenzen wird der Selbstbehauptungskampf der schwächeren Art einen erheblichen Teil seiner Schärfe verlieren. Das akute Stadium der Assimilationsgefahr ist unzweifelhaft damit überwunden. Und diese unausbleibliche Wirkung der neuen Gestaltungen könnte uns gewiß sehr froh stimmen, bestände die Aussieht nicht, daß die Dezentralisation auch eine bedenkliche Zersplitterung und Atominierung der jüdischen Volkskraft herbeiführen würde. Die Kompaktheit und Masscnhaftigkeit des jüdischen Elements im Osten bildete bisher den sichersten Schutz gegen das Eindringen fremdwüchsiger, zersetzender Kulturkeimc; diese Schutzkraft wird in Zukunft durch die Dispersion der Volksteile, eine bedrohliche Schwächung erfahren. Wird die einschrumpfende Extensiv kraft durch eine höhere nationale Lebens inte ns ität wettgemacht werden? Wir wünschen und -hoffen es. Daß wir Juden bei dem in Cholm zur Austragung gelangenden ukrainisch-polnischen Gegensatz keine uninteressierten Zuschauer sind, braucht, wicht erst hervorgehoben zu werden. Wir sind es in Cholm