Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Und das Krumme wird gerade
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 238 (sequence 5)
- Language
- German
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238 Wächter sah, wie Menascheh Chajim weint und lacht, da konnte er sich nicht mehr zurückhalten und fragte ihn nach der Bedeutung der Träne, und was das Lachen sollte. Aber Menascheh Chajim wischte seine Tränen ab und preßte sein Lachen nieder und stieß einen herzbrechenden Seufzer aus und antwortete kein Wort. Da sagte ihm der Wrächter: „Herr Jude, glaubt nicht, daß meine Augen nur auf dein Verborgenes lauern, um mir die Seele mit deinen Geheimnissen zu füllen* Bei Gott und bei meiner Seele, , deine Leiden rührten bis an mein Herz, und Ich habe keine Kraft mehr, den Harm deiner Seele mit anzusehen. Fürwahr, die Hilfe steht bei Gott, aber vielleicht kann auch ich dir beistehen mit viel oder mit wenig oder mit einem guten Rat, nach dem Maß meines Vermögens." Doch Menascheh Chajim wußte, daß zwar bei Gott die Hilfe ist, aber für seine Seele gibt es keine Hilfe, denn auf ihn fiel das Los, schweigend zu sitzen und zu harren und seinen M.und und seino Zunge zu hüten. Und er antwortete dem Wächter und sprach: „Ein Sünder bin ich in meinem Leben, und warum soll ich auch sündigen in der Stunde meines Todes? Und wenn ich sagen würde, ich werdo erzählen — siehe, mir würde ich nicht helfen, nur das Leben anderer würde ich verstören. Und warum verlangt Ihr von mir etwas, was nicht recht ist?" Aber als Menascheh Chajim das Gesicht des Wächters sah, und siehe, es war mit Tiauer bedeckt, wie ein Mann, über dem die Trauer zusammengeschlagen ist, da überwand er sich, denn er konnte die Leiden der Seele des Wächters nicht mehr ansehen. Und der Wächter schwor ihm bei einem heiligen Gegenstand, daß er wie das Grab schweigen würde und nicht einmal einen kleinen Wink äußern wird, und da wurde Menascheh Chajim ihm willfährig und breitete seine llede vor ihm aus, und erzählte ihm diese ganze Geschichte, wie der Allmächtige viel Bitteres über ihn verhängt'hat, und wie er nach dem Rat seiner Frau ging, und wie er den Empfehlungsbrief vom Rabbi der Stadt nahm, und wie er rings im Lande umherzog und ein wenig Gold sammelte, und nach Jahren, als er sein Herz daran setzte, sein Haus zu besuchen, ließ ihn das böse Geschick einen Schnorrer treffen, und er überredote ihn zu sündhaftem Tun, und er verkaufte ihm die Empfehlung für volles Geld, und sein Sinn war, zu dem Markttag in Laschkowitx zu reisen und Geschäfte zu machen, bevor er nach Hause zurückkehren würde; aber dort trank er bis zur Betrunkenheit, und er ging wieder rings an den Türen umher, und nach vielen und vielen Tagen kehrte er nach Hause zurück, und hörte, daß er unter die Toten gerechnet wurde, und seine Frau war eines anderen Mannes geworden und sah ein Leben der Wonne, und weil er, Menascheh Chajim, ein Priester ist und sie ihm verboten ist — kehrte er um, wie er gekommen war, um nicht den Frieden ihres Hauses zu stören, und er erneuerte sein Wandern wie früher, und war ein Wanderer zwischen Lebenden und Toten, und er hatte keine Ruhe mehr, nicht in dieser Welt, und auch in der Welt der Wahrheit hoffte er nicht mehr auf Ruhe. Menascheh Chajim wollte noch mehr sagen, aber er begann, über die Schande seiner Tat und die Trauer der Hölle zu grübein, und die