Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1918) · p. Seite 239

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 9-10 (10.2.1918)
Article
Und das Krumme wird gerade
Date
1918-02-10
Page
Seite 239 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2908689-2908714-2908723-2910620--1488-2910677
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

239 Rede tat sich von ihm ab. Es dauerte nicht lange, da stärkte er sich ein bißchen und tat seine Hand in die Tasche und stöberte dort eine kleine Weile, um dort Schnupftabak zu finden, der bei einem Gespräch den Sinn des Menschen weit macht. Aber umsonst suchte er dort, denn seit dem Tage, da er von Buczacz mit Schmerzen der Seele und. Herzweh umgekehrt war, hatte er dem Genuß des Tabaks entsagt, und ohne ihn war es ihm schwer, viel zu reden und das Gespräch fortzusetzen. Aber als er sah, daß der Wächter Gott behüte fast ins Murren kam gegen den Ratschluß des Heiligen (er sei gelobt), da begann er von neuem: „Wahr haben die Weisen gesprochen: ,Alles, was in dieser Welt geschaffen ist, steigt zur Hölle herab4. Aber fern sei es, sich gegen Gottes Ratschluß aufzulehnen, wie es der heilige Schelah schrieb: ,Wisset, meine Kinder, daß die Schlüssel in die Hände des Menschen überliefert sind, und dann ist ein verborgenes Geheimnis, denn wahrhaftig, gegeben, gegeben sind sie in die Hände des Menschen, die äußeren Schlüssel und die inneren Schlüssel!* Und schön haben unsere Weisen seligen Angedenkens im Midrasch gesagt: ,IIeii dem Menschen, der seiner Versuchung standhält, Denn es gibt keinen Menschen, den der Heilige (gelobt sei er) nicht versucht. Er versucht den Reichen usw., und er versucht den Armen, ob er standhalten kann und Leiden auf sich nehmen.'" Menarchen Chajim hörte zu reden auf, und beide verstanden, wer die Frau war, die gekommen war, einen Grabstein für Menascheh Chajim aufstellen zu lassen. Und von nun an und weiter sprach Menascheh Chajim kein Wort mehr, sondern stärkte nur mit dem Überbleibsel seiner Kraft sein Herz in Gott- Und manchmal verließ er seinen Platz und ging an den Zaun des Friedhofs, um von ferne das Grab dieses Schnorrers, dos vermeinten Menascheh Chajim, zu sehen. Dieser ist es, der ihn zu sündigem Tun verführte, dieser, der ihm sein Weib genommen und seinen Namen für ewig aus Israel getilgt hat. Und Menascheh Chajim dachte, wie leicht es möglich wäre, daß die Geschichte nicht geschehen wäre. Aber alsbald dachte er daran, daß das, was geschehen ist, geschehen ist, und er zwang sein Seufzen mit einem leisen Lachen und sang sich mit seiner heiseren Stimme einen Vers aus dem Psalmen: „Du führst den Menschen bis zur Zennalmung und sprichst: Kehrt zurück, ihr Menschenkinder." Und von Tag zu Tag ging sein Körper immer mehr zu Ende, bis seine Seele erlosch. Und der .Wächter, der in der Geschichte Bescheid wußte, die wir oben erzählt haben, verstand es, den Grabstein für den aufzustellen, der seiner würdig war, und gab Namen und Andenken in Israel Menascheh Chajim, dem Priester, der dahinging ohne Kinder. Und als der bestimmte Tag kam, da stand Kreindel Tscharne auf Menascheh Chajims Grab, und ihre Tränen Helen auf seine Asche. Seine Seele sei gebunden in das Bündel des Lebens!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.