Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Und das Krumme wird gerade
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 237 (sequence 4)
- Language
- German
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237 das Geheimnis der Wahrheit, das zuzeiten auch bei gewöhnlichen Menschen aufblitzt, wird meistens durch alle möglichen Arten von Zweifeln verdrängt. Dennoch quälte er ihn nicht mit Fragen und drängte ihn nicht, ihm zu sagen, was hast du auf der Seele? Denn die Schweigsamkeit seines Kummers und die Trauer seines Geistes rührten ihm ans Herz. Und obwohl ein toter Mensch ihm schon gewohnt war, hatte er doch sein Leben lang noch keinen Menschen in der Stunde gesehen, da die Seele von ihm ging, und es setzte ihn in eine Art Furcht, und sicher und gewißlich wurde es ihm schwer, Menascheh Chajim zu sehen, bei dem nur ein Schritt zwischen ihm und dem Tod war. Und er ward über ihn mit besonderem Erbarmen erfüllt, und von nun an und weiter hielt er jede schwere Arbeit von ihm fern. Und sogar wenn, dieser Wächter den oben erwähnten Grabstein von seinem Platz wälzen mußte, um das Jahr und den Tag in ihn einzumeißeln, darin der Tote gestorben war, so bemühte er jetzt Menascheh Chajim nicht mehr und ging auf die Gasse, einen anderen Menschen zu finden, der ihm behilflich sein wollte, ihn zu rücken. Und es geschah, wenn der Wächter draußen war, so blickte er hinter sich und schaute, und siehe, Menascheh Chajim nahm seine Augen nicht von dem Grabstein, und der Wächter begriff, daß die Sache eine Bedeutung hatte. Und weil er wußte, daß dieser Mensch seinen Mund und seine Zunge hütete, so daß er erst recht nicht mit einem Gespräch beginnen würde, sagte er: „Ich will für ihn anfangen, dann wird auch er von selbst seine Lippen der Rede nicht verschließen." Und alsbald begann der Wächter zu sprechen wie jemand, der von ungefähr redet: „Vor etlichen Tagen kam eine vornehme Frau hierher, herrlich gekleidet wie eine Fürstin, und fragte nach Menascheh Chajim Hakohen aus der Stadt Buczacz, der an dem und dem Tage in dem und dem Monat in dem und dem Jahre hier begraben wurde. Und geh und denke dir, das ist ein toter Schnorrer, den man vor etlichen Jahren tot im Lchrhaus fand, ungefähr ein paar Tage vor dem großen Jahrmarkt von Laschkowitz, und in seiner Tasche war die Empfehlung vom Rabbi in Buczacz. Und als ich-dieser Reichen das Grab zeigte, vergoß sie viele Stunden auf ihm Tränen, so daß sie vergaß, mir den Lohn für mein« Mühe zu zahlen und das Gebetbuch hervorzuholen. Sicherlich steht er ilir nahe, ein Blutsverwandter, und diesen Stein hat sie ihm'zum Grabstein geweiht." Und der Wächter hörte ein wenig mit Reden auf und wartete, daß liier Menascheh Chajim anfangen würde. Aber Menascheh Chajim saß an seinem Platze und kein Wort war auf seiner Zunge, und er ließ seinen Kopf herabhängen und bohrte beide Augen in den Boden und Tränen begannen ihm in den Augen zu schwimmen und rannen auf sein finsteres Gesicht herab, und auf den Furchen seiner Lippen, in denen die Trauer nistete, erwachte ein Lächeln, das seine Lippen nicht mehr umspielt hatte seit dem Tage, da er aus seiner Stadt geschleudert wurde, um den Weg zu gehen, von dem er nicht zurückkehren sollte, und es wurde mit dem Tau seiner Augen durchsättigt. Und als der