Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Und das Krumme wird gerade
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 235 (sequence 2)
- Language
- German
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235 seines Weges in der Finsternis. „Was ist mir Gefahr! Was ist mir der Tod! Siehe die Sünde ist schlimmer als der Tod. Und nicht nur das, sondern der Tod tilgt die Sünde." Kurzum, so ging er dahin, von Ort zu Ort, von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt, bis er an einen Ort kam, wo er sich nach seiner Art am Platze, da alles Leben eingesammelt wird, verkroch. Und er richtete sich nach seiner Art einen Platz, ein paar Ellen von den Gräbern entfernt, zwischen Trümmern von Grabsteinen, uiid wegen der Schwäche seiner Kraft war er gezwungen, sich dort länger als gewöhnlich zu halten. Und der Totengräber sah Menascheh Chajim und die Traurigkeit seines Geistes, und er fand bei ihm mehr Gunst und Gnade als alJe Armen, und er hatte Gefallen an seiner bescheidenen Art und Betrübnis über die Last seiner Leiden» Denn siehe, wer von den Armen kommt denn eigentlich, auf dem Friedhof zu wohnen? Gerade die Aussätzigen und Schleimflüssigen und die Krätze haben, Bettler, die Frechsten der Frechen, die Unverschämten und die Verbitterten; und dieser Arme hielt sich stillschweigend oder er seufzt aus der Bitterkeit seines Herzens, und er gab ihm auch von seinem armen Brot zu essen, und seine Kinder sammelten Knoblauch zwischen den Buchstaben der Grabsteine, den die Weiber dort hinlegten, die zu den Gräbern ihrer Eltern beten kamen, und sie belegten sein Brot damit ebenso wie ihr eigenes. Und Menascheh Chajim war ihm ein wenig behilflich, und er ging ihm ein wenig zur Hand nach dem Maße seiner Kraft und seines Könnens, zum Beispiel einen Stein von einem Orte zum anderen zu rücken oder einen Grabstein zu wälzen und dergleichen, und er rodete die Dornen rings um den Friedhof aus und vertrieb die Schweine von dort und machte einen Zaun vor die Löcher der Mauer. Und wenn es geschah, daß der Angeber in der Stadt abgerufen wurde und in seiner Sünde starb (so mögen alle Deine Feinde zugrunde gehen, Herr), oder einer aus Israel, den der Geist dos Wahnsinns befiel, sich selbst umbrachte (der Barmherzige bewahre uns), und man grub ihm dicht am Zaun ein Grab, um ihn bei Nacht einzuscharren, und das Begräbnis wurde aufgehalten, entweder von der Verwandtschaft, die sich gegen die Schande wehrte, oder auf Befehl der Obrigkeit und ihrer Herren, bis man die Ursache erforscht hätte, und sich kein Jude fand, der eingewilligt hätte, in dem offenen Grabe zu nächtigen, bis man den Toten hineinlegen könnte, obwohl man viel Geld dafür geboten Jiatte, — denn wer wird seinen Körper damit verunreinigen, in einem Grabe zu ruhen, in dem ein Sünder in Israel das Begräbnis eines Esels finden wird — dann nahm es Menascheh Chajim in Liebe auf sich, dort zu nachtigen, und sprang mit vieler Freude in das Grab, wie wenn der Heilige (gelobt sei er) ihn schon in dieser Welt den Tod hätte schmecken lassen, um die Sünde von dem Weibe seiner Jugend wegzunehmen. Und wenn der Morgen aufstieg und seine Stunde kam, sich zu seinem Lose zu erheben, und er sah, daß er lebte, und wie dadurch, daß er lebte, ein Israelit und eine Israelitin dazu kamen, gegen ein so schweres Verbot zu vorstoßen, nahm er die Züchtigung seines Herzens unterwürfig auf sich und hielt sich die Kürze seiner Kraft vor und sprach: „Aus ist mein