Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Und das Krumme wird gerade
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 234 (sequence 1)
- Language
- German
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234 Und das Krumme wird gerade Geschichte eines Menschen mit Namen Menascheh Chajim ms der heiligen Gemeinde Bucsocx (fest gründe sie der Höchste, Amen), der von seinen Gütern herabsank, und die Armut (der Barmherzige bewahre uns) llc& Ihn wc2ohen vom Wege seines Herrn, und er warf einen Makel auf Israel und war gescholten und vercioSen und umhergetrieben, und verstörte doch nicht <*G3 Leben anderer, und wurde mJfi Namen und Andenken begnadet, wie es In diesem Buche des längeren erklärt wird. Und auf ihn und seinesgleichen sagt die Schrift: „Und dann tilgen sie ihren Frevel/ und es erläutert Rasch! (sein Andenken zum Segen): „Sie sühnen ihren Frevel durch ihr Leiden." Das hat verfaß! und hai es aufgeschrieben S. J. Agnon*) Menascheh Chajim ist ein Krämer aus Buczacz in Galizien., der durch den Verlust seines Vermögens gezwungen wird, mit einem Empfehlungsschreiben seines Rabbi auf die Wanderschaft zu gehen und Almosen zu sammeln. Er läßt sich verleiten, das Schreiben einem anderen Bettler zu verkaufen. Als dieser bald darauf stirbt, entdeckt man das Schreiben be3 ihm, und Menascheh Chajim gilt seitdem als tot und findet, als er nach Buczacz zurückkehrt, seino Frau Kreindcl Tscharne mit einem anderen Manne verheiratet. Um sie nicht ins Unglück zu stürzen, verlaßt er Buczacz, ohne sich zu erkennen zu geben, und begibt sich wieder auJ die Wanderschaft. epf^^s sprachen unsere Weisen seligen Angedenkens: „Sogar wenn JjjpM er ein Stein ist, wird er zergehen." Um wieviel mehr „der Mensch, vom Weibe geboren, kurz von Tagen und gesättigt mit Unruhe — wie eine Blume geht er auf und welkt, flieht wie ein Schatten, hat keinen Bestand." Und in der Tat, es dauerte nicht viele Tage, da •wurde Menascheh Chajim ganz schwach, seine Kraft schwand immer mehr, die Glieder wankten ihm, und seine Füße, die. vom Umhertreiben auf dem Wege und von den Verwirrungen seines unstäten Wandems geschwollen waren, waren nicht mehr imstande, sich auch nur eine Spanne weit zu rühren, und darüber freute sich Menascheh Chajim, denn er sah, daß sein Tod nahe war und sein Grab vor ihm offen lag. Unsere Weisen haben ein Gleichnis gemacht, mit einem dicken Mann, der auf dem Esel reitet; der Esel späht aus, wann er von ihm absteigen wird, und er späht aus, wann er von dem Esel absteigen wird. So spähte M.enascheh Chajim aus, wann ihn der Heilige (gelobt sei er) von seiner Seele erlösen wird, und seine Seele spähte danach aus, von der Sünde erlöst zu werden. Und als Menascheh Chajim sah, wie er wirklich geht und stirbt und das ganze Wesen seines Lebens nur eine Art Gewöhnung an den Tod ist, da verdoppelte er seine Freude noch besonders, denn so würde doch Kreindel Tscharne nicht mehr in Sünden leben: sie kann nächtigen, ohne dem Bösen überantwortet zu sein. Und von da an und weiter nahm er sich in seiner Trauer ein wenig zusammen und raffte sich ein wenig auf und verzweifelte nicht gänzlich an der Buße. Und er ging von Ort zu Ort und von Stadt zu Stadt und von Friedhof zu Friedhof und klügelte nicht über den Ratschluß Gottes (er sei gelobt). Und obwohl es ihm schwer war zu gehen, und der Weg gefahrvoll war. wegen böser Tiere und nächtlicher Räuber, ging er doch gerade darum •) Das nachfolgende Schlußkapitel ist dem Buche „Und das Krumme wird geradett von S. J. Agnon, deutsch von Max Strauß, entnommen, das demnächst im «Jüdischen Verlag, Berlin, erscheint. (Preis ungefähr 4,50 M. geb.) Der Name des jungen Epikers Ist Im deutschen Sprachgebiet u. a. durch die Herausgabe des „Buches von den polnischen Juden* bekannt geworden.