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Neue jüdische Monatshefte · 1918-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1918) · p. Seite 229

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 9-10 (10.2.1918)
Article
Die galizische Judenschaft in den Jahren 1772 - 1848 in wirtschaftsstatistischer Bedeutung
Date
1918-02-10
Page
Seite 229 (sequence 7)
Language
German
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229 Wir sehen, daß die jüdische Bevölkerung Galiziens im Zeitraum von 1772—1847 fast ihren ganzen natürlichen Zuwachs oingebüßthat. 1847 zählt sie nicht mehr als 1773 Seelen! Das Ungeheuerliche dieser Erscheinung tritt noch greller zum Vorschein, wenn, wir vergleichsweise die Zahlen der christlichen Bevölkerung heranziehen. So gab es in Galizien im Jahre 1773: 2082 992 Christen „ „ 1789: 3039 391 „ „ 1821: 3 751 732 „ „ 1827: 4 382 383 In derselben Zeit stieg die jüdische Bevölkerung von 224 981 Seelen im Jahre 1773 auf 246 147 im Jahre 1827. Die christliche Bevölkerung hatte sich inzwischen mehr als verdoppelt, die jüdische vermehrte sich kaum um 1 %. Im Jahre 1830 war jeder siebzehnte, im Jahre 1850 jeder dreizehnte Bewohner Jude. Die Einbuße der galizischen Judenschaft betrug auf diese Weise im Zeitraum 1772—1847 mindestens 300 000 Seelen. Bedenkt man, daß die Heiratsbeschränkungen durch die jüdischen „Winkelehen" zum großen Teil paralysiert wurden und daß also nicht hier die Ursache des Rückgangs lag, so kann die außerordentliche Abnahme der jüdischen Bevölkerung nur auf die Auswanderung zurückgeführt werden. Die Auswanderung der galizischen Juden in dem behandelten Zeitraum ist aber auch quellenmäßig nachzuweisen. Nach B u z e k sollen beispielsweise seit September 1781 bis Ende 1782 rund 1200 Betteljuden aus Galizien vertrieben worden sein. 1784 betrug die Zahl des über die Grenze geschafften jüdischen Bettelvolkes 659. Eine Vorstellung über den Umfang der Auswanderung gibt uns die außerordentliche Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in den Nachbargebieten Galiziens. So stieg in Ungarn die Zahl der Juden von 77 647 im Jahre 1786 auf 191970 im Jahre 1827; in dem Gebiet zwischen Weichsel, Bug und Narew machte die jüdische Bevölkerung an der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts über 12 % der Gesamtbevölkerung aus, also beinahe 2Krnal so viel, wie in Galizien. Unter dem Einfluß der Judenpolitik der österreichischen Regierung gesellte sich zu der enormen Auswanderung auch eine erhebliche Binnenwanderung der galizischen Juden. Sie ergriff zunächst das dörfische Element und beschleunigte die Zusammenballung der Judenschaft in Städten und Städtchen. Den Juden wurde mit Judenordnungen und Patenten vom Jahre 1776, 1785, 1787, 1793 usw. nach und nach die Pachtung von Gütern, Bier- und Methbrauereien, Schankhäusern, Mahlmühlcn, Zehenten, Markt-, Stand-, Weg-, Pflaster-, Weidegeldern usw. verboten. Zählt man die Ziffern zusammen, die in den Tabellen III und IV in der Rubrik Schankgewcrbo und Pachtung angegeben sind und bedenkt man, daß die gesamte Dorfjudenschaft an diesen Erwerbszweigen hing, so ergibt sich, daß durch das Bestrebon der österreichischen Regierung, die Juden aus dem Schankgewcrbe und aus den Pachtungen zu verdrängen, um sie dem Ackerbau zuzuführen — fast

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