Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Die galizische Judenschaft in den Jahren 1772 - 1848 in wirtschaftsstatistischer Bedeutung
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 228 (sequence 6)
- Language
- German
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22S Die Verhältnisse waren — wie wir aus Tabelle III und IV ersehen — unter den Landjuden viel günstiger als unter den städtischen Juden. Während die letzteren etwa 40 % männliche Personen ohne bestimmten Beruf aufweisen, gab es in den Dörfern nur 32 % solcher Luftmenschen. Die Hauptbeschäftigung der Dorfjuden waren Pacht und das Schankgewerbe. Die übrigen Berufe sind von diesen beiden Haupterwerbszweigen der Landjuden ganz abhängig, so zunächst die Dienstboten und Hauslehrer („belfer"), die zusammen etwa 15—IG % der berufsfähigen männlichen Personen ausmachen. Der Handel und das Handwerk kommen unter den Dorfjuden fast gar nicht vor, Das entworfene Bild trägt alle Zeichen eines wirtschaftlichen Niederganges. Für die österreichische Regierung in der Periode der „umschaffenden" Patente und Hofdekrete galten nur zwei Kategorien jüdischer Menschen für „toleranzwürdig4*: der Finanzjude (auf daß „das Geld im Land bleibe") und der Äckerjudo. Nun gab es aber in Galizien von der ersten Spezies nur sehr wenig Exemplare, von der anderen aber fast gar keine. Folglieh: „uroschaffenl" Das Bettelvolk muß „abgeschafft", die Ackerjuden müssen „angeschafft", die Finanzjuden herange&üchtet werden. Unter Bettelvolk verstand man (zumal in der Praxis) nicht bloß die eigentlichen „Schnorr- und Packjuden", sondern rundweg sämtliche finanziell und wirtschaftlich herabgekommenen Juden. Da aber solche in der Mehrzahl waren, so setzte die Bevölkerungspolitik der Regierung alle Hebel in Bewegung, um die jüdische Bevölkerung Galiziens in ihrer Fortentwicklung zu unterbinden und selbst unter die 1772 vorgefundene Kopfzahl zu bringen. Die Mittel, die dabei angewandt wurden, sind bekannt. Es genfigt, die bezeichnendsten zu nennen: die Patente gegen Betteljuden, die Heiratstaxen und Ehekonsense, die Ansiedlungsbeschränkungen in manchen Städten (numerus clausus, Zuweisung von Judengassen), die Aufenthalt- und Geleitzölle, die obligaten Vermögensspezifikationen usw. In der Handhabung dieser Maßregeln ist nur sehr wenig von jener Laxheit wahrzunehmen, welche die Verwaltung sonst an den Tag legte. Tabelle V zeigt uns mit aller Deutlichkeit, wie der jüdische Mensch in Galizien dem Staate in bevölkerungspolitischer Hinsicht nutzbar gemacht wurde. ... Tabelle V. Jahr Zahl der Juden in Galizien Anteil der Juden an der Gesamtbev. in % Jahr Zahl der Juden in Galizien Anteil der Juden an der Gesamtbev. in % 1765 zirka 150 000 6—7 1797 192 840 v> 1773 224 981 6,5 1817 200 277? 1775 202 855? 1821 217 985 5,5 1770 206 658 5,3 1827 246 147 5,4 v> 1785 . 212 000 6,5 1847 zirka 225 000 1789 178 072 5,6