Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Die Juden in der galizischen Wirtschaft
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 217 (sequence 3)
- Language
- German
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217 bunten Fülle erfindungsreicher Variationen, bei denen es überhaupt keines Betriebskapitals bedarf, die von einem Tag auf den anderen leben und bei unglaublicher Kraft- und Arbeitsintensität doch nicht über das Niveau des Luftexistenzlers hinauskommen. Ein Windhauch wirft sie um und die erstarkende Genossenschaftsbewegung würde auch dann verheerend unter ihnen gewirkt haben, wenn sie nicht durch die polnische Tendenz zur Nationalisierung des Wirtschaftslebens verschärft worden wäre. Aber auch die 214184 zur Industrie und zum Gewerbe gehörigen Juden bilden keinen Rückhalt. Wirklich berufstätig sind von ihnen 78G91. Von ihrer Verteilung kann man sich nach den Zahlen für 1900 ein Bild'machen; damals betrug ihre Anzahl 7320G, von denen 22 981 als meist selbständige Schneider und Schuster figurieren, 20 298 als „Srilanker", so daß diese beiden Gruppen allein von den etwa 73 000 43 279 absorbieren. Dann folgt die Lebensnüttelerzeugung mit 11036 und restliche etwa 19 000 Juden verteilen sich dann auf andere Gewerbe, Wie kann eine so gegliederte Gruppe widerstandsfähig werden! Die Aufhebung des Propinationsgesetzes im Jahre 1910, die vom rein galizischen Standpunkt aus wünschenswert war, so wünschenswert, daß die Rücksicht auf 20 000 oder 30 000 Schanker unter einer Gesamtbevölkerung .von 8 Millionen zurücktreten konnte, mußte für die Juden eine Katastrophe bedeuten, da es sich für sie um 20 000 unter jenen nur 73 000 Juden handelte, die sich nicht im Handel betätigten3). Und was mußte erst die Folge einer feindliehen Invasion sein! Die-Masse, ü\ h. die Händler, packten ihre armselige Habe in ein Taschentuch zusammen und gingen auf die Wanderung. Dort fielen sie entweder beschäftigungslos dem Staate zur Last oder sie wandten sich den einzigen Zweigen zu, für die im Rahmen der Kriegswirtschaft (Unterbindung des legalen Handels) und bei ihrer völligen Unkenntnis anderer Berufskenntnisse Platz fanden: dem Schmuggel und Schleichhandel. Weder halten sie einen Stamm landwirtschaftlicher Arbeiter, die sofort Erwerb und Unterkommen fanden, nocli besaßen sie Handwerker und Jndustrieproletariat, das von der starken Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt und den steigenden Löhnen profitieren konnte. Was soll nun mit diesen vagabondierenden Luftexistenzen geschehen? Wenn sie nach Galizien zurückkehren, werden sie ihre Plätze besetzt finden. Für den Zwischenhandel ist dort die Zeit vorbei. Die zentralisierenden Tendenzen der Kriegswirtschaft begegnen sich mit den Absichten der nationalpolnischen Genossenschaftsbewegung. Vor allem aber muß man sich bewußt bleiben, daß das ganze galizische Wirtschaftsleben der Zukunft durch einen Faktor entscheidend nütbeeinfiußt wird, dessen Machtbereich man heuto noch nicht annähernd sehätzen kann: durch die Tätigkeit der galizischen Wiederaufbauzentrale. Dieses in nationalpolnischen Händen befindliche Institut ist im Begriff, das von den Juden notgedrungen geräumte Invasionsgebiet 3) Erst in der Statistik für 1910 ist das Schankgowerbc aus der Gruppe Industrie und Gewerbe herausgenommen und in die Gruppe Handel übersetzt worden.