Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Die Juden in der galizischen Wirtschaft
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 218 (sequence 4)
- Language
- German
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216 neu aufzubauen und vor allem zu industrialisieren. Es subventioniert Gewerbetreibende, gewährt Industriegesellschaften zinsfreien oder billigen Kredit, es verschafft den Handwerkern Werkzeuge auf Abzahlung oder gegen niedrige Leihgebühr, es richtet Kurse, Lehranstalten, Lehrwerkstätten ein, bildet z. B. Motorpflugführer aus (und stellt die Biotorpflüge gleichfalls bei) — kurz, es entfaltet eine segensreiche und ausgedehnte Tätigkeit, die mutmaßlich zur Folge haben dürfte, das ein wesentlicher Teil Galiziens nach dem Kriege völlig und ausschließlich auf nationalpolnischen Theorien und Tendenzen aufgebaut sein wird. Denn es ist unnötig zu erwähnen, daß die Juden von dieser Tätigkeit nichts profitieren; daß sie es sind, die ausgeschlossen bleiben und die, mangels genügenden Kapitals und billigen Kredits, einer solchen Konkurrenz auch dort nicht werden standhalten können, wo man ihnen einen Versuch dazu gestatten wird. Wirtschaftspolitik verträgt sich nicht mit Sentimentalität: darum ist es zwecklos, diesen Dingen nachzutrauern. Aber lernen könnten wir von der Tätigkeit der Wiederaufbauzentrale und endlich begreifen, daß es uns nur dann möglich sein wird, einen solchen .Kampf aufzunehmen, wenn wir uns ähnliche Kampfmittel schaffen. Neuerlichen Zeitungsnachrichten zufolge soll die Errichtung eines „jüdischen Wirtschaftsamtes für Polen" in Warschau bevorstehen: das wäre ein großer Schritt vorwärts; aber auch dann ist noch die Frage, ob dieses Amt sich solche Kapitalien wird beschaffen können wie' die miliionenreiche Wiederaufbauzentrale (und mit weniger wird man kaum etwas erreichen), und vor allem, ob die Juden in der Lage sein werden, in der wirtschaftlichen Defensive so zielbewußt, tatkräftig und energisch vorzugehen, wie die Polen in der Offensiver auf diesem Gebiete macht den Polen kaum ein Volk den Rang streitig. Ein zweiter Umstand, der die Geschicke der galizischen Juden entscheidend beeinflussen wird, liegt in der wahrscheinlichen irgend wie gearteten Verknüpfung Polens mit Galiziens. W7ie eino solche Anknüpfung sich wirtschaftspolitisch für die Juden im einzelnen gestalten wird, ist vorläufig noch schwer zu ermessen und überdies würde eine solche Untersuchung den Rahmen dieser Skizze überschreiten. Aber es hat doch wohl den Anschein, als ob der Anschluß an das sich rasch industrialisierende und überhaupt viel weiter entwickelte Polen den Juden ungleich mehr Möglichkeiten bieten würde, als etwa jene „Autonomie", die bisher Galizien in Aussicht gestellt wurde und die nichts bedeutet ala die Sanktionierung des bisher dort üblich gewesenen polnischen Unterdrückungssysteins. Zwei Entwidklungslinien Von Dr. Otto Abel es, Wien 'Hij^ hiige historische Reminiszenzen seien herausgegriffen und an- StijS^ einandergereiht. Es werden sich zwei Entwicklungslinien der tUiSä galizischen Judenheit ergeben: die politische und die •virtschaftliche.