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Neue jüdische Monatshefte · 1918-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1918) · p. Seite 207

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 9-10 (10.2.1918)
Article
Galizien
Date
1918-02-10
Page
Seite 207 (sequence 13)
Language
German
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207 was die erstarrte Volkskraft zu neuen schöpferische» Taten wachrief — sie haben im galizischen Judentum nicht aufkommen können. Pietismus und Fatalismus, zur Herrschaft über die Seelen berufen, haben den Weg zur menschlichen und völkischen Erneuerung versperrt. So war das Judentum Galiziens zur Unfruchtbarkeit und zur Stagnation verdammt. Als es daher um eine Epoche, in der die große geistig-kulturelle Wiedergeburtsbewegung im russischen Judentum erst einsetzte, bereits zur politischen Selbstentfaltung und Selbstbehauptung berufen wurde, — da wurde die traurige Bilanz eines Jahrhunderts geistig-kultureller Versumpfung aller Welt offenbar. Der Chassidismus, zur. lebensbeiherrschenden Geistesmacht geworden, bemächtigte sich bald auch des öffentlichen Lebensader Erziehung, der Politik. Man denke sich, was eine chassidisierte Politik und ein politisierter Chassidismus bedeutete. Der zur Politik entartete Chassidismus verband sich bald mit der assimihitorisch-polomsiertcn Führerschaft. Der Volksverrat in Permanenz wurde zum religiösen Gebot erhoben. Die „heilige Herde41 der Wunderrabbis wurde zum allergetreuesten Stimmvieh des Polenklubs und seiner Hausjuden. Der Wimderrabbi wurde zum wertvollsten Instrument der polnischen Politik, dessen unentbehrliche Dienste als polnischer Wahlmacher hoch gewürdigt und auch fürstlich belohnt wurde. Der plutokratischo Lemberger Halbtäufling und der mit den Erzengeln auf Du und Du stehende Rebbe „bearbeiteten" jahraus, jahrein, jeder auf seine Weise, die jüdische Öffentlichkeit und die jüdischen Wühlcrmasscn, der erste mit seiner großzügigen Zahlungsfähigkeit, der letzte durch die mit zielbewußtem Eifer betriebene, unglaublichste Volksverdummung. Jüdische Plutokratie und jüdischer Klerikalismus wurden zu den beiden Grundpfeilern der politischen Versklavung der Juden Galizicns, und damit der gesamten Politik dieses Landes. So ist es verständlich, daß die moderne nationale Bewegung erst um die Wende des Jahrhunderts in Galizien aufkommen konnte und daß sie, in so ausgeprägtem Gegensatz zum Gang der Dinge im russischen Osten, nicht der eigentliche Ausdruck und das Ergebnis oinor vorausgegangenen Epoche geistig-kulturellen Aufschwungs und geistig-kulturellen Schaffens, sondern ein von außen her kommender Anstoß, etwas ganz Neues und Neuerworbenes war. In Rußland war dem Herzischen Zionismus längst eine bodenständige kraftvolle nationale Entfaltung vorausgegangen, eine nationale Entfaltung, der die herrlichsten Blüten der modern-hebräischen und zum Teil auch jüdischen Literatur entkeimt und von dem auch bedeutende kolonisatorische Leistungen auf palästinensischem Boden ausgegangen waren, — in Galizien war das Basoler Programm Uroffonbarung, der Anfang. Daß die modern-nationale Bewegung und der Zionismus hier auch auf dio rücksichtsloseste, unerhörteste Gegnerschaft aufprallte, war natürlich. In seiner Bekämpfung eiferten Assunilantentum und Chassidismus um die Wette, jedes mit seinen eigenen, wirkungsvollen Waffen. Die unglaublichsten Formen nahm der im Namen der Religion geführte Kampf der chassidistischen Orthodoxie an. Der

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