Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Galizien
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 206 (sequence 12)
- Language
- German
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205 der Polen die Rede ist, dann muß auch der Schuld, der großen Schuld des galizischen Judentums selbst gedacht werden, Fem sei es uns, dieses1 schwere Selbstverschulden zu beschönigen. Vor allem die Führer. Man wird vergeblich in der alten erfahrungs- und prüfungsreichen Geschichte dieses Volks eine ähnliche harmonische Verschmelzung von Verblendung und Niedertracht, von Würdelosigkeit und Mutwillen suchen, wie sie sich in den Männern verkörperte, die ein halbes Jahrhundert lang in den Gemeindestuben, im Eeichsrat und Landtag und an allen wichtigen Stellen als Führer und Wortführer der Juden Galiziens fungierten. Was diese höchsten Führer ein Halbjahrhundert lang getrieben haben, war nichts anderes als Volkaverrat in Permanenz. Ein unsagbar trauriges, unsagbar unwürdiges Kapitel. Wir wollen es um so mehr übergehen, als wir den Schlüssel zu dieser Erscheinung letzten Endes doch in dem eigenartigen Entwicklungsgang suchen müssen, den das gesamte Kultur- und Geistesleben des galizischen Judentums genommen hat. Der Schatten dieser Führerschaft fällt' auf das jüdische Gesamtleben zurück, aus dem sie hervorging, das sie groß und mächtig, werden ließ. Diese jüdische Gesamtentwicklung hat aber bereits um den Ausgang des 18. Jahrhunderts eine Richtung eingeschlagen, die die Keime des Verderbens in sich trug und dieses Judentum, der Unfruchtbarkeit und dem Verfall preisgeben mußte. Es ist hier nicht der Ort, ein Gesamtbild dieses geistig-kulturellen Entwicklungsganges zu entwerfen. Es sei in aller Kürze gesagt: Das kulturelle und politische Schicksal des galizischen Judentums während eines ganzen Jahrhunderts war ganz durch den Umstand bestimmt und entschieden, daß hier der Chassidismus zur lebensbeherrschenden Macht geworden ist. Im Gegensatz zum großen Utäuisch-weißrussischen Judentum (das polnische Judentum hat in weitem Maße das Schicksal Galiziens geteilt!), wo Haskala und Minagdismus schon früh die neue mystisch-pietistische Strömung aus dem Öffentlichen Loben zurückdrängten und in die Sphäre des Individuollen bannten, — haben in Galizien unter äußeren Einwirkungen und Antrieben (als Reaktion gegen den josephinischen ,,Aufklärunigs"rummcl) bereits im Anfang Chassidismus und orthodox-rabbinisches Judentum einen-Bund eingegangen, um gemeinsam der Haskala, der echtbürtigen nationalen Aufklärung, den Garaus zu machen- Es 3st auch der vereinigten Kraft dieser beherrschenden geistig-sozialen Mächte gelungen, jenen dem Boden Galiziens zuerst entsprungenen geistig-sittlichen Jungbrunnen zuzuschütten, der dem russischen Judentum zum Quell der Erneuerung wurde. Damit war das Schicksal aller Geistes- und Kulturentwicklung in diesem Judentum für ein ganzes Jahrhundert besiegelt. Genug: das galizische Judentum blieb ohne Ilaskala, ohne Chibat-Zion, ohne modern-hebräisches und jüdisches Schaffen, ohne die neue nationale und soziale Bewegung. Alle jenen Mächte der Erneuerung, die dem jüdischen Volksleben des russischen Ostens die Lethargie der Jahrhunderte überwinden halfen und es der sittlichen und kulturellen Wiedergeburt entgegenführten, alles jenes,