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Neue jüdische Monatshefte · 1918-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1918) · p. Seite 205

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 9-10 (10.2.1918)
Article
Galizien
Date
1918-02-10
Page
Seite 205 (sequence 11)
Language
German
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203 zogene Konzessionen sich selbst zu sichern wußten. Von den bis um 1910 vom Schankgewerbe lebenden 17 800 galizischcn Juden behielten bloß 7000 die Konzession; 10 000 jüdische Familien wurden ohne Achselzucken dem Elend preisgegeben. Zur Schilderung dessen aber, was die Juden Galiziens in diesen Kriegstagen seitens der Polen erfuhren — sind Worte zu schwach. Es ist das Abscheulichste und Entsetzlichste, was die Welt in diesen an Furchtbarem reichen Tagen erlebt hat1). Man war allerdings der Judenhörigkeit nicht mehr so sicher wie in der alten guten Zeit. Die Erstarkung des nationalen Bewußtseins und der nationalen Bewegung unter den Juden Galiziens ließ sich auf die Dauer ebensowenig verhindern, wie das Wachsen der politischen Macht und des politischen Einflusses der anderen dem polnischen Machthunger geopferten kämpfenden Nationalität Galiziens: der Ukrainer. Das sich immer enger, immer verständnisvoller gestaltende Verhältnis zwischen diesen beiden bedrängten Völkern Galiziens nahm einen bedrohlichen Charakter an. Daß aber die Drachensaat des polnischen Judenhasses in diesem Kriege Früchte zeitigen wird, mußte auch den Polen klar sein. Die galizische Landtagswahlreform, von 1914 bedeutet einen Versuch, gleichzeitig den Wünschen der ukrainischen Nation entgegenzukommen und die sich lockernden Fesseln der jüdischen Hörigkeit aufs neue zu befestigen. Die Ruthenen erhielten ihren eigenen nationalen Kataster, während für katholische und mosaische Wähler ein gemeinsamer konfessioneller — wohlgemerkt: konfessioneller, damit die Juden nicht etwa zu den Ruthenen stoßen! — Kataster festgesetzt wurde. Am 5. November 1916 wurde in Wien die judenreine Autonomie Galiziens angekündigt, und der Entwurf des „Polenklubs'1 bedeutete einen weiteren Fortschritt auf diesem Wege des Entgegenkommens gegen die nationalen Wünsche der Ukrainer und dpr endgültigen politischen Versklavung des jüdischen Volkes in Galizien. * # * Es wäre dies alles nicht möglich gewesen, wäre der Wille zur Freiheit und zur nationalen Selbstbehauptung im galizischen Judentum lebendig und fruchtbar geblieben. Es wäre dies alles nicht möglich gewesen bei diesem ursprünglich so kräftigen und tätigen Glied des ostjüdischen Volkstums, das den anderen Teilen dieses Volkstums um ein halbes Jahrhundert in der bürgerlichen Befreiung vorausgeeilt war und das bereits zu einer Zeit mit freien Händen um Dasein und Zukunft kämpfen konnte, als noch das groüfe russische Judentum gefesselt am Boden lag. Daß es so kam und kommen mußte, daß das Sklavcnschicksal sich am Judentum Galiziens erfüllen konnte, deutet auf eigene Schuld und eigenes Gebrechen. Wenn von dor Schuld Österreichs und l) Man lese u. a. die Veröffentlichung des „Jüdischen Xriegsarchiv" in Wien: „Die Juden Lembergs unter der Russenlierrschaftu von Prof. S. Bromborg-Bytkowski -Lemberg. Lieferung 8 u. 9. Febr. 1917.

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