Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1918) · p. Seite 204

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 9-10 (10.2.1918)
Article
Galizien
Date
1918-02-10
Page
Seite 204 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2908689-2908714-2908723-2910615--1446-2910642
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

204 timeres Verhältnis hatten als zum Hottentottentum, war die polnische Majorität geschaffen, die Polenherrschaft in Galizien gesichert. Man hat dieses Kunststückchen politischer Algebra dadurch fertiggebracht, daß man einerseits zum einzigen Maßstab völkischer Zugehörigkeit die Umgangssprache machte, anderseits zunächst einfür allemal feststellte, daß Jidisch überhaupt keine Sprache wäre und die Angabe der jüdischen Umgangssprache glattweg als ungültig erklärte und mit Geldstrafe belegte! dann aber mit allen erdenklichen Mitteln der Korruption und der Erpressung es tatsächlich zuwege brachte, einer bedeutenden Zahl von jüdischen Wählern zur wahrheitswidrigen Bekenntnis zur polnischen Umgangssprache zu „bewegen44. Es kann so nicht wundernehmen, daß es heute offiziell Juden in Galizien überhaupt nicht gibt. Die auf der Umgangssprache beruhende offizielle Statistik von 1910 zählt in Galizien 4 672 500 Polen, 3 208 092 Ruthenen, 90 114 Deutsche, 44 Serbokroatenund — 0,0 Juden! Wahrlich, eine elegantere und praktischere Formel als diese 0,0 Juden ist kaum jemals erfunden worden. Das Bewußtsein von der ausschlaggebenden politischen Bedeutung des jüdischen Elements in Galizien beherrscht seitdem die gesamte politische Öffentlichkeit und ist für das politische Handeln bestimmend geworden. Daher das krampfhafte Bemühen, die Juden an sich zu fesseln. Nicht durch Entgegenkommen, sondern durch die ärgste Brutalität, die rücksichtsloseste Niederhaltung und Unterdrückung aller freieren Regungen und Äußerungen eines eigenen völkischen Empfindens im galizischen Judentum. Nackte Gewalt, nicht Umwerbung, Hörigkeit und Nutznießung, nicht Angleichung und Assimilation ist die politische Losung gegenüber den Juden. Mit der politischen Einverleibung der Juden ging eine wütende antisemitische Bewegung Hand in Hand. In der Land es Verwaltung ist der Antisemitismus oberes Gesetz. Während in der zentralen Finanz-, Gerichts¬ und Post- und Telegraphenverwaltung Galiziens in den neunziger Jahren immerhin 650 Juden gezählt wurden, sind die polnischen städtischen Körperschaften völlig judenrein. Es hat auch an blutigen Ausschreitungen gegen die Juden nicht gefehlt; die Pogrome in einer ganzen Reihe westgalizischer Städte um 1898 und 1903 sind noch in Erinnerung. Die galizischen.Nationaldemokraten haben ihre polnischen Gesinnungsgenossen an Giftigkeit und an „Tatkraft44 noch übertroffen* Die „Liga zur Polonisierung der Städte44 hat den Boykott und den wirtschaftlichen Vernichtungskrieg gegen die Juden bis unmittelbar auf den Kriegsausbruch mit aller Kraft propagiert. Eine wirtschaftliche Repressivpolitik gegen die Juden wurde in weitem Maßstabe betrieben: Drangsalierung des jüdischen Handwerks und des Kleinhandels, Sperrung des Arbeitsvermittlungsbureaus für Juden, gegen die Juden gerichtete Monopolisierungen, Ausschluß der Juden aus den Zünften, Nicht zuletzt sei aber des neuen Schänkergesetzes und desunter antialkohoiischem Vorwand erfolgten massenhaften Ausschlusses der Juden aus diesem Gewerbe gedacht — zugunsten der polnischen Grafen und Schlachzizen, die zahlreiche den Juden ent-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.