Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Galizien
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 203 (sequence 9)
- Language
- German
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203 Die österreichische Politik hatte die Juden Galizicns national entrechtet und bürgerlich zum Schein emanzipiert, — die Polen ließen die bürgerliche Scheinemanzipation gelten und bauten die nationale Entrechtung zu einer nationalen Hörigkeit aus. Daß auch die zweite Emanzipation von 1867 eine Scheinemanzipation blieb, dafür haben die polnischen Verwaltungsbehörden, die sich nach den ungeschriebenen und nicht nach den geschriebenen Gesetzen richteten, bestens gesorgt. Die Ketten der nationalen Hörigkeit aber haben jüdische Führer eigenhändig geschmiedet und befestigt Man wird in der gesamten neuzeitlichen Geschichte vergeblich ein Ulmliches Beispiel politischer Versklavung und Dienstbarmachung eines ganzen Volkes suchen. Dies alles geschah aber mit der vollen Zustimmung und Billigung der Zentralrcgierung. Und dies traurigste Kapitel in der neueren politischen Geschichte des Diasporajudentums ist noch heute nicht abgeschlossen; es soll vielmehr durch die „Sonderstellung" vom 5. November 1916 verewigt werden!. Einer objektiven, rein sachlichen Betrachtungsweise bedarf es, um dieses Halbjahrhundert polnischer Judenpolitik in Galizien voll begreifen und würdigen zu können. Ein Blick auf dio Tatsachen wird diese Politik nicht rechtfertigen, aber verständlich machen. Seitdem es eine polnische Politik in Galizien gibt, war die politische Judenfrage eine Lebensfrage der Polen nicht minder wie der Juden. So lange es eine Hegemonie der polnischen Nation in Galizien gibt, ist der letzte politisch denkende Pole sich aufs klarste dessen bewußt, daß <Iiese Hegemonie die unbedingte Gefolgschaft der Juden zur Voraussetzung und zur Grundlage habe. Die beiden um die Vormachtstellung in Galizien kämpfenden Nationalitüten, Polen und Ruthcnen, halten sich rein zahlenmäßig die Wage. Noch um das Ende der secSiziger Jahre galt es als eine ausgemachte statistische Tatsache, daß es in Galizien 50—51 Prozent Ruthcnen gäbe. Dieses Zahlen Verhältnis hat bis in dio Gegenwart kaum eine erhebliche Verschiebung erfahren. Die galizische Volkszählung von 1010 ergab 3 735145 Polen und 3 378 451 Ruthcnen. Die Lösung des Rätsels, wie unter derartigen Umständen Galizien zur ausschließlichen Domäne des Polentums werden konnte, bilden — die Juden. Ihre Gesamtzahl betrug 1910 872 975 (10,87 %; davon lebten 213 296 im Westen, der übrige Teil im Osten). So wie die Dinge lagen und noch heute liegen, sind diese 11 Prozent Juden des Landes das Zünglein an der Wage. Ohne die Juden gab es keine polnische Majorität, gegen die Juden mußten die Polen zur . Minderheit herabsinken. Früh genug ist es den Polen gelungen, das galizische Judentum unter das Joch politischer Hörigkeit zu beugen. Als die Zählung um 1880 die "Verhältnisziffer der Polen in Galizien von 47 Prozent um 1869 auf 52 Prozent anschwellen ließ, da wußte man, was "es mit dieser unnatürlichen Vermehrung des polnischen Elements für eine Bewandtnis bat. Durch die inzwischen ••sang- und klanglos vor sich gegangene „Einverleibung" der jüdischen Massen, von denen wohl zumindest 95 Prozent zum Poientum kein in-