Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1918) · p. Seite 201

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 9-10 (10.2.1918)
Article
Galizien
Date
1918-02-10
Page
Seite 201 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2908689-2908714-2908723-2910615--1443-2910639
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

20t Programm des humanisierenden Despoten, dem auch gewisse Kreise der jüdischen „Intelligenz" — dazumal „Maskiiim", Leute, die in den Bann der Mendelssohnschen Aufklärungsideen geraten waren — mit Leib und Seele ergeben waren. Es war dies die früheste Blüte der Haskalabewegung im Osten. In ihrem Heimatlande Galizien selbst war sie bald dahingewelkt und verweht. Im Gedächtnis des Volkes lebt diese Epoche noch bis heute als eine. Zeit der Versuchung und des Unheils, die schwere Verluste und keinen Gewinn brachte. Der listige Versucher und Zerstörer der jüdischen Freiheit, Joseph IL, wurde aber bereits bei Lebzeiten arg gerichtet. Der Wundermann und Baalschem- Jünger Rabbi Lejb Sore's pflegte nämlich, nach der rührenden ostjüdischen Volkssage, an jedem Freitag, eine halbe Stunde vor dem Lichteranzünden, auf Windesflügeln aus seinem ostgalizischen Heimatsdorf bei Brody nach Wien zu eilen und unsichtbar in den Thronsaal einzudringen, wo er Joseph II. mit seinem mächtigen Krückenstock erbarmungslos — verprügelte. Diese peinliche Exekution wiederholte sich an jedem Freitag und hörte erst mit dem Tode des Monarchen auf. Dies war die Rache des ohnmächtigen Volkes. Die Folgezeit brachte keine Besserung, sondern eine fortschreitende Verschlimmerung der rechtlich-bürgerlichen Situation der Juden. Die Grundsätze der josephinischen Judenpolitik blieben auch unter seinen Nachfolgern Leopold IL, Franz IL und Ferdinand I. ungeschmälert in Kraft, nur war inzwischen die aufklärerische Heuchelei einer unverhüllten Brutalität gewichen, der die Juden ein willkommenes Objekt der Willkür und der Unduldsamkeit waren. Die alte Steuer- und Repressivpolitik blieb bis auf das Revolutionsjahr 1848 in hoher Blüte. Die als nicht einträglich genug befundene „Schutzsteuer'4 wurde bereits 1797 von einer ominösen „Lichtsteuer" abgelöst: einer Steuer auf Sabbat-, Chanuka-, „Jahrzeit-" und Hochzeitskerzen. An Stelle des persönlichen Militärdienstes wurde bald eine Befreiungssteuer („Rekrutengelder") festgesetzt. Das munizipale Wahlrecht der Juden wurde eingeschränkt. Die vom „Toleranzpatent" Josephs IL aufgehobenen Wohnrechtsbeschränkungen traten bald wieder in Kraft. Die Juden durften wieder ihre Ghettos nicht verlassen; die Freizügigkeit von Ort zu Ort wurde unterbunden. Ausländische Juden durften sich nur für kurze Zeit in Galizien aufhalten, und für Juden des Königreichs Polen gab es seit 1811 einen „Geleitzoll". Ebenso eine besondere Steuer für jüdische Wanderhändler, Der Drogenhandel und der Arztberuf wurde den Juden untersagt. Dazu gesellte sich auch eine merkwürdige jüdische Bevölkerungspolitik. Heiraten zwischen Einwohnern zweier Orte wurden untersagt, * und Franz IL erließ sogar 1810 eine Verordnung, derzufolge jeder heiratslustige Jude (der gesamten Monarchie!) zuvor eine „Religionsprüfung" in deutscher Sprache bestehen müsse! Der ganze ebenso kleinliche wie assimilatorische Charakter dieser Politik kommt in dem 1817 erlassenen Verbot der Geldsammlungen für Palästina zum Ausdruck. Die „Meschullachim" wurden als Landstreicher behandelt. Noch um 1841 macht ein Gesetz die Gewährung des Rechtes des Aufenthaltes und des Schank-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.