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Neue jüdische Monatshefte · 1918-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1918) · p. Seite 198

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 9-10 (10.2.1918)
Article
Galizien
Date
1918-02-10
Page
Seite 198 (sequence 4)
Language
German
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198 Tage hat ihm die Zunge gelöst. Keine Dichter und keine Propheten sind ihm seit bald einem Halbjahrhundert erstanden, und kein Verkünder des Geschehenen. In einer Zeit, da das von ihm losgelöste Bruder- Judentum Rußlands ehernen Schrittes einem neuen Leben entgegenging, verharrte es in seiner alten Erstarrung und Kraftlosigkeit. Als das große Ostjudentum innerlich längst die Unfreiheit überwunden hatte, wurde ihm die Knechtschaft Lebenselement. So blieb es im Dunkel, aus dem es nicht heraus konnte, ohne eben ins falsche Licht zu geraten. Daher die Unkenntnis und die Verkennung. Es soll wieder gekannt und geliebt werden, das einsame und stumme Volk, und Liebe und Verstehen mögen ihm den Weg zur Erlösung ebnen. Um das einzigartige Schicksal der Juden Galiziens in seiner ganzen Weite und Schwere begreifen und würdigen zu können, muß 'man sich das Wirken und die Eigenart dreier Mächte und Faktoren vergegenwärtigen, aus denen gleichsam wie aus einer dreifachen Wurzel dieses Menschen- und Volksschicksal erwächst. Der Jude dieses Landes ist Österreicher, Galizier und Jude zugleich. Das österreichertum, Galiziertum und Judentum waren gleichsam die drei Dimensionen seiner menschlich-politischen Existenz. Jede dieser Lebensbedingtheiten trug ihre eigene Schicksalsgestaltung und ihr eigenes Verhängnis in sich. Ein dreifaches Schicksal. Die österreichische Linie führt geradewegs vom Jahre 1772 bis zum 5. November 1916. Die zwei Endpunkte dieser Entwicklung, gleichsam ihre beiden Pole, sind Maria Theresias „Judenordnung'1 von 1772 und — die jüngste „Sonderstellung'4 Galiziens. Richtet man, von Einzelheiten und Nebensächlichkeiten absehend, den Blick auf dieHaupt- und Grundlinie, auf das Wesentliche und Bestimmende, so fragt man sich verwundert, was die dazwischen liegenden anderthalb Jahrhunderte für die österreichische Judenpolitik bedeutet haben. Sio haben nichts bedeutet. Der Fortschrittsglaube gerät ernstlich ins Wanken. Der Schreiber der Diasporageschichte, der sich auch sonst gelegentlich am Rückschrittsgedanken gewöhnen muß, wird bei der Betrachtung dieses Entwicklungsganges diese Gewohnheit zu seiner zweiten intellektuellen Natur machen müssen. Als 1772 bei der ersten Polenteilung, die zugleich eine nicht minder schmerzliche Vivisektion des bis dahin einheitlich gewachsenen, großen ostjüdischon Volkskörpers bedeutete, Galizien und das galizische Judentum an Österreich kamen, konnte Maria Theresia, die glaubenseifrige Katholikin, die die „Toleranz" als Zumutung zurückwies und den Juden keineswegs freundliche Gesinnung entgegenbrachte, doch nicht umhin, die bestehende voll ausgebaute inner jüdische Kultur- und Verwaltungsautonomie anzuerkennen und zu konsolidieren. War sie auch dabei zweifelsohne vor allem von fiskalischen Rücksichten geleitet, so zeugt doch auch ihre Judenpolitik von einer Charaktergröße> der ihr bei allen Einengungen eigen war. Ihre wenige Jahro nach der Angliederung (1776) erlassene „Allgemeine Ordnung für die gesamte Judenschaft des Königreiches Galizien und Lodomerien" beläßt die Juden Galiziens in ihren vollen Rechten als im

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