Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Galizien
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 197 (sequence 3)
- Language
- German
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197 liehe Mitglieder. Die polnischen und ukrainischen Abgeordneten bilden zwei nationale Kurien, die die Wahl der Vertreter in die vom Landtag einzusetzenden parlamentarischen Körperschaften vornehmen und dio Aufwendungen für wirtschaftliche und kulturelle Zwecke aus den von ihren Volksgenossen aufgebrachten direkten Steuern beschließen. Nach gleichen Grundsätzen werden die Bezirks-, Kreis- und Gemeinderäte gobildet. Amtssprache im Schul- und Gerichtswesens ist die jeweilige Unterrichtssprache; diese ist in der Volksschule die Sprache der Gemeindemehrheit. Auf eine besondere Minderheitsschule haben Orte mit mindestens 40 schulpflichtigen Kindern der nationalen Minderheit Anspruch; sonst ist in der gemeinsamen Schule ein besonderer Unterricht in der jeweiligen Minderheitssprache zu. ermöglichen. Regierung und Landtag entscheiden über Gründung von Mittelschulen. Die Ukrainer erhalten eine eigene Universität. Man sieht, die Polen sind, den Zeichen der Zeit und nicht dem Zuge des Herzens folgend, bereit, ihren galizischen Rivalen immerhin bedeutsame Zugeständnisse einzuräumen. So anerkennenswert dieser etwas spät kommende Gerechtigkeitssinn ist, so sicher ist es allerdings, daß ein Einvernehmen zwischen den beiden Nationalitäten Galiziens auf dieser Grundlage nicht zustande kommen wird. Die Selbstlosigkeit wird eben in diesem Entwurf von einer gerissenen Klugheit noch -überflügelt. Dies wird indessen Sache der Ukrainer selbst sein. Der jüdische Betrachter wird aber nicht umhin können, bei der Lektüre dieses eingehenden und detaillierten, obendrein neuorientierten und dem Geiste einer neuen Zeit angepaßten Entwurfes die Vexierrätselfrage aufzuwerfen: Wo sind die Juden? Die Juden Galiziens, 11 Prozent der Gesamtbevölkerung, stehen seit Jahren in einem schweren Kampf um ihre nationale Existenz. Vergeblich haben sie bisher um die Anerkennung ihrer Nationalität, ihrer sprachlichen und kulturellen Eigenart gefochten, blutig gefocliten. x\m polnischen Machtwillen scheiterte ihr Lebensrecht, zerschlug sich ihr eigenes völkisches Wollen. Wird es auch in der neuen Ära, der „nationalen und wirtschaftlichen Entfaltung" dabei bleiben? Hat man in bezug auf dio Juden nicht nur in Lemberg, sondern auch in Wien nichts gelernt und nichts vergessen? Es scheint so. Und weil dem so ist, so ist es höchste Zeit, daß die jüdische Öffentlichkeit beider Welten dem lahmen Gewissen am Ballplatz und der hinkenden polnischen Gerechtigkeit tatkräftig zu Hilfe kommt Bevor es wiederum zu spät ist. Bevor das jüdische Volk in Galizien endgültig und unwiderruflich um sein Lebensrecht betrogen ist. Ein Buch mit sieben Siegeln ist freilich der Welt und der jüdischen Weltöffentlichkeit das Judenschicksal in Galizien. Ungekannt und verkannt sind Land und Mensch. Das galizische Judentum, dessen Söhne als erste die Fackel eines neuen Geistes in den Osten trugen, das auch in der „Emanzipation" dem Ostjudentum um ein halbes Jahrhundert vorausgeeilt war, ist ein Aschenbrödel geblieben, der Welt und sich selbst gering. Denn nicht nur mit Blindheit, auch mit Stummhext hat es ein tragisches Geschick geschlagen. Es gab ihm kein Gott, sein Leid der Welt zu erzählen, und nicht einmal das Entsetzen dieser