Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 8 (25.1.1918)
- Article
- Julius Wellhausen
- Date
- 1918-01-25
- Page
- Seite 180 (sequence 3)
- Language
- German
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ISO Er war nicht Philosoph, nicht einmal eigentlicher Historiker, daher auch nicht Geschichtsphilosoph, sondern für die Frage der Weltanschauung schlechthin ein religiöser Moralist und endlich mit dem ganzen Schwergewicht wissenschaftlicher Schöpferkraft ein Detailmaler der Philologie und Altertumswissenschaft. Aus diesen teils negativen, teils positiven Momenten lassen sich auch die M,ängcl und Einseitigkeiten verstehen, die seiner Beurteilung der jüdischen Religion nach ihrem Fortbestando in der Weltgeschichte anhaften. Schon in seiner Lebensarbeit zeigen 'sich rätselhafte Lücken und Sprünge. Es schließt mit der politischen Geschichte Israels ab, und wendet sich alsbald zu der Geschichte der Araber, deren Sprache und Literatur er wie einer der größten Meister beherrscht, während er selbst in seinem humorvollen Witze jene Poesie als „Kamelpoesio" uns in feierlicher Rede belächelt hat. Wie konnte er, der sicherlich keine Rassengemeinschaft zwischen den Israeliten und den Beduinen annahm, mit der jüdischen Literatur einen plötzlichen Abbruch von der politischen Geschichte sich .vorschreiben lassen, ohne auch nur als Philologe zur Sprache der Mischna fortzuschreiten, geschweige die religiöse Fortentwicklung des Judentums als Historiker zu verfolgen? Dieser Mann mit seinem freien Blicke, der sich von dogmatischen Vorurteilen auch in der eigenen Religion nicht hemmen zu lassen redlich und kühn bestrebt war, dem Menschenhaß auch in der historischnationalen Form des Judenhasses innerlich zuwider war, er war doch nicht Historiker genug, die weltgeschichtliche Frage des Judentums sich zum Problem zu machen. Als ich vor einigen Jahren auf dem „Weltkongreß für freies Christentum und religiösen Fortschritt" über die Bedeutung des Judentums den in weiten- Kreisen bekannt gewordenen Vortrag hielt, da meinte er doch noch, daß der Fortbestand des Judentums vornehmlich dem Zwange des traditionellen Gesetzes zu verdanken wäre, und von einer uns gemeinsamen Freundin mußte er sich sagen lassen, daß er mit diesem Urteil ja der Gefahr der materialistischen Geschichtsauffassung verfiele. Das Judentum in seinem Fortbestande über die Entstehung des Christentums hinaus wurde niemals für ihn ein historisches Problem der Religion und der religiösen Kultur. Hier lag seine Schranke, Und sie hängt vielleicht zusammen mit seiner Schranke in bezug auf die Philosophie und die Dogmatik der Religion. Die Schwierigkeiten in der christlichen, auch in der protestantischen Dogmatik bildeten, um es nicht stärker auszudrücken, keine Hauptstücke seiner christlichen Religiosität. Ich will mich hier nicht weiter über sein Verhältnis zu Christus aussprechen. Als Mensch, und da er seiner Freundschaft mich würdigte, will ich nur noch aus tiefster Bewegung des Herzens heraus ihm danken für das Erlebnis, das ich Jahre hindurch mit ihm in persönlichem Umgang genoß. Wir lasen meistens zu derselben Nachmittagsstunde, und gingen alsdann gemeinsam nach Hause, oftmals-musikalische Reminiszensen uns vorsingend — Wellhausen war sogar mit der Theorie vertraut und mit seiner sonoren Baßstimme sang er eifrig mit im