Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 8 (25.1.1918)
- Article
- Julius Wellhausen
- Date
- 1918-01-25
- Page
- Seite 179 (sequence 2)
- Language
- German
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179 Sein Mißverhältnis zu aller philosophischen Dogmatik beruhte jedoch nicht allein auf seiner starken philologischen Lebensader, die sich nimmer genugtun konnte in dem Aufspüren und Durchzeichnen alles kleinsten Details antiquarischer Verhältnisse bis in allo rechtlichen Verhältnisse der Wirtschaft hinein: die hauptsächlichste Hemmung gegen allo philosophische Religiosität lag doch in der Stärke, Treuo und Sicherheit seines naiven Kindcrglaubens. Diesen Mann mit seinen klaren, durchdringenden Augen, der vielleicht niemals von einem Menschen getäuscht worden ist, hat sicherlich niemals der Zweifel "an Gott ernstlich beschlichen. Diesem tiefsten Grundstein der Religion gegenüber war dieser großo Philologe lebenslang der schlichte Pfarrerssohn von Hameln geblieben. Und mit dem Glauben an Gott war ihm unerschütterlich der Leitgedanke seiner Weltanschauung: der göttliche Weltplan und die Vorsehung Gottes, die das Gute in seiner Menschenwelt begründet und allezeit sichert. Aus dieser seiner festen Moraltheologie heraus erklärt es sich, daß der allerliebste Prophet ihm Arnos, der Hirt von Thekoa, war. Gewiß hat er die Herrlichkeit der großen Propheten in ihrer Urkraft erkannt und mit Begeisterung geschildert. An diesen Stellen seiner „Israelitischen Geschichte" gewinnt sein Stil die höchste Schwungkraft und zugleich die edelste Einfalt und Stärke. Dennoch aber ist es unverkennbar, daß ihm der einfache und eindeutige Ton des Arnos, der allen historischen Perspektiven des Nationalbewußtseins gegenüber nur auf die bürgerliche Moral dringt, und dessen Polemik gegen die Opfer daher auch den unzweideutigsten Ausdruck erlangt, dessen Moral daher in der unmittelbarsten Beziehung zu seinem Gottesglauben steht — es ist unverkennbar, daß Arnos der Lieblingsprophet Wellhausens war. Spätere Zeiten erst werden es nun aber deutlich machen, welchen Wert es für den Bahnbrecher der Bibelkritik hatte, und wie sehr dadurch die Bedeutung dieser Forschungsmethode selbst vor schlimmen Gefahren geschützt wurde, daß eine so klare Religiosität im Gottesglauben und in der platten Moral diesen großen Forscher beseelte und in seiner gesamten Darstellung der Geschichte Israels leitete. Neuere Verirrungcn haben es wieder unliebsam kenntlich gemacht, wie der religiöse Gesichtspunkt für das Verständnis des Prophetismus verfehlt wird, wenn sein innerlicher Zusammenhang mit dem schlicht moralischen verkannt wird, und wenn ferner die bürgerlich:wirtschaf(liehe Wurzel der Moral überhaupt und so des prophetischen religiösen Moralismus übersprungen und verdeutet wird. Ein ernstes Fragezeichen richtet sich gegen solche Verirrungcn aus dem Fundament aller Religion heraus: Wie steht Ihr, Herren, überhaupt mit eurem Verstände und mit eurem Herzen zu dem prophetischen Gotte, der die Welt erschaffen hat, um sie zu regieren: für den es keinen Anfang und kein Ende gibt, der in seiner Ewigkeit die Zukunft des Menschengeschlechts und dessen sittliche Entwicklung zum Guten verbürgt? Auf diese Frage hatte Wellhausen nur eine klare und bestimmte Antwort: die sein Glaube an Gott und an das Gute in der Menschenwelt ihm eingab.