Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 8 (25.1.1918)
- Article
- Julius Wellhausen
- Date
- 1918-01-25
- Page
- Seite 181 (sequence 4)
- Language
- German
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akademischen Oratorienchor. Und so waren wir auch in allen wissenschaftlichen und kollegialen Fragen, wie auch im Familienverkehr mit seiner edlen hochstehenden Frau traulich verbunden. Dabei waren wir keineswegs etwa in allen Fakultätsfragen derselben Ansicht, noch derselben Richtung, Um so charakteristischer aber war das persönliche Vertrauen und der intimere Zusammenhang. Der ältere Kollege hat den etwas jüngeren überlebt. Sollte da nicht bei der annoch bestehenden Notlage der jüdischen Universitätslehrer die bescheidene Nutzanwendung von der Fabel dieses Aufsatzes gestattet sein? Was lehrt diese Lebenserfahrung zweier Universitätskollegen, die bei so starker Differenz zu solcher Innigkeit der Sympathie gekommen sind, ohne daß diese auf einer tieferen wissenschaftlichen Gemeinschaft beruhte? Denn meine jüdisch-wissenschaftliche Bildung hat Wellhausen zwar gar nicht mißachtet, noch gering geschätzt, aber mit Recht doch nicht eigentlich für hinlänglich ausgerüstete wissenschaftliche Kompetenz gehalten. Welche Hoffnung läßt sich aus dieser meiner privaten Lebenserfahrung für dio Zukunft der jüdischen Universitätslehrer schöpfen, für die wahrhaftige herzliche Eintracht und Vertraulichkeit des jüdischen mit dem christlichen Universitätskollegen? Möchten wir Juden selbst nur an der einen Bedingung festhalten, daß wir festes Vertrauen haben zu uns selbst in der Wurzel unserer jüdischen Religiosität. Lasset uns bei keiner wissenschaftlichen, sozialen, politischen Angelegenheit an dieser Grundnorm unseres Wesens und unseres natürlichen Verhaltens irregehen, und wir v/erden unfehlbar wahrhafte Kollegialität gewinnen und für das ganze Leben befestigen. Es bleibt noch immer unter allen Kulturmitteln, welche die modernen Menschen verbinden, die Religion überhaupt das sicherste und das zuverlässigste. Sie ist und bleibt die intimste Wurzel des menschlichen Wesens. Wir pflegen uns darüber gern hinwegzutäuschen, indem wir uns einbilden, man müsse uns schlechthin als Menschen achten und lieben lernen. Es verbirgt sich hinter dieser modernen Parole der Unglaube überhaupt und die Skepsis an der allgemein menschlichen Wurzel der Religiosität- Zugleich aber ist hierbei mitwirkend der Mangel an Überzeugung für unser religiöses Eigenrecht. Ferner aber wird dieses liberale Stichwort durch das unselige Vorurteil bestärkt, als ob wir den Judenhaß doch niemals durchbrechen und auch nur persönlich zur Auflösung zu bringen vermöchten. Unter solchen seelischen Reserven läßt sich keine innerliche Kollegialität und keine Freundschaft zwischen Christen und Juden aufrechthalten. Wir müssen auch hier umlernen. Wir müssen wieder Glauben gewinnen an unser religiöses Selbst, dann werden wir auch wieder Zutrauen gewinnen zu der reinen Menschlichkeit bei edlen Christen. So möge das Beispiel, welches meine langjährige Verbindung mit Julius Wellhauscn darstellt, lehrreich und trostreich im jüdischen Lager werden und insbesondere in den Universitätsverhältnissen Mut und Zuversicht erwecken.