Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 8 (25.1.1918)
- Article
- Julius Wellhausen
- Date
- 1918-01-25
- Page
- Seite 178 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Julius Wellhausen Ein Abschiedsgria& Von Hermann Cohen, Berlin ine Würdigung des großen Bibelforschers würde meine Komm petenz überschreiten, und vollends sie unmittelbar nach seinem älÜSsä Hintritt zu versuchen, bevor die berufenen Stimmen vernommen worden sind, wäre ganz unzulässig. Ich melde mich aber hier sogleich zum Worte, um keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, daß es in jüdischen Kreisen als Ehrenpflicht gelten muß, das Gedächtnis eines Mannes 5n Dankbarkeit hochzuhalten, der eine gewaltige Lebensarbeit der Durchforschung des Alten Testaments gewidmet und der für das Verständnis der israelitischen Propheten unvergängliche Verdienste sich erworben hat. Ich selbst habe zudem persönliche Veranlassung, diese unsere allgemeine Pietätspflicht in diesen Heften zur Aussprache zu bringen für das Andenken eines Mannes, mit dem ich lange Jahre hindurch in traulicher Sympathie, in kollegialer Freundschaft und in herzlicher Zuneigung verbunden gewesen und geblieben bin. Und dieses persönliche Moment dürfte doch wohl zugleich von einer gewissen sachlichen Bedeutung sein. Um Wellhausens Verhältnis zur Bibelforschung zu verstehen, muß man vor aDem bedenken, daß er im strengen Sinne nicht sowohl Historiker als Philologe war. Und ebenso muß man ferner, um Wellhausens Verhältnis zur Religion überhaupt zu verstehen, bedenken, daß er nicht Philosoph und daher auch gar nicht Dogmatiker war, sondern daß sein Gemüt und sein Charakter ihn mit der Religion verbanden. Er sagte mir einmal von einem berühmten Theologen, daß dieser nur den Verstand, nicht das Herz für die Religion hätte. Dieses Wort ist charakteristisch für Wellhausen. Die dogmatische Dialektik, mochte sie sich auf Gott, oder auf Christus beziehen, lag nicht in der Richtung seines Geistes. So blieb ihm auch die moderne Verkehrstheologie mit Christus fremd. Diese seine allgemeine geistige Disposition ist sicherlich der tiefste Grund dafür, daß er zu Ezechiel doch nicht das rechte Verhältnis finden konnte, obschon er auch indeß an Charakteristik die meisten anderen Forscher überragte. Die Schwierigkeiten, der Versöhnungslehre lagen nicht auf der schlichten Bahn seines Gottesglaubens. Er hat wahrlich große Verdienste um die Anerkennung des Ethizismus und des Universalismus der Propheten. Aber schon der Messianismus blieb ein Grenzpunkt für ihn da, wo dieser über den göttlichen Universalismus hinausstrebte und den weltgeschichtlichen Horizont der Menschheit bestimmte. Hier engte seinen religiösen Blick die Sclbstbeschrünkung ein, welche die Genauigkeit seines wissenschaftlichen Denkens und Forschens allen welthistorischen Zukunftplänen und daher auch aller Geschichtsphilosoplüe ihm auferlegte.