Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 8 (25.1.1918)
- Article
- Neu-Orientierung
- Date
- 1918-01-25
- Page
- Seite 173 (sequence 3)
- Language
- German
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♦Die Antisemiten wittern wieder einmal Morgenluft, weil sie ganz genau wissen, daß nach jedem Kriege, ganz besonders nach einem solchen wie dieser Weltkrieg, die Nachfrage nach Blitzableitern sehr groß ist. Nim steht zwar beim modernen Blitzableiter die — goldene Spitze nicht mehr in Übung, indessen: die Herren Judenfresser werden sie schon wieder in Mode zu bringen wissen. Einstweilen konsolidieren sie sich und, wenn nicht alle Zeichen trügen, schaffen sie sich hinter den Kulissen eine Organisation, die alles zusammenfaßt, was bisher den antisemitischen Kampf mehr oder minder buschklepprig führte. Im Gegensatz hierzu ist einstweilen von einer großzügigen, rationellen restlosen Zentralisierung der jüdischen Organisationskräfte nach dem Prinzip moderner Energetik nichts zu merken. Es wird zwar viel und gut gearbeitet, aber die gleiche Tätigkeit vollzieht sich — zerstreut — in einer Reihe verschiedener Büros, Redaktionen, Komitees und sonstiger Körperschaften, ohne daß ein großes organisatorisches Band all' diese Arbeit, all' diese Kampfgenossen umschließt und ohne daß von irgendwoher eine Einheitsparole ausgegeben wird. Ich möchte nicht mißverstanden werden; denn wohl weiß ich, daß da verschiedene Auffassungen über Ziele, Zwecke und sonst allerlei sind, also auch verschiedene Arbeitsmethoden a priori zugelassen, ja erwünscht sein müssen. Daran will ich beileibe nicht rütteln. Nur eins konstatiere ich: Auch für denjenigen Teil der Arbeit, wo nach der Natur des Gegenstandes (2. B.: Antisemitismus!) eine differentielle Auffassung nicht vorhanden ist oder wenigstens nicht sein dürfte, existiert bisher keinerlei allen Kampf- und Bundesgenossen genieinsamer Kampfboden noch Arbeitsplan, Programm oder wie das, was mir vorschwebt, sonst genannt sein will. Ansätze sind auch hierzu vorhanden, jedoch sie sind winzig und werden wieder zerflattern, wenn sie nicht irgendwo fest in die Faust genommen werden. Der Krieg hat manchen „salonfähig" gemacht, der vorher auch in gewissen jüdischen Kreisen nicht sonderlich in Kurs stand. So zum Beispiel den Arbeiter. Selbst die bestgeleiteten jüdischen Großorganisationen haben sich dieses Stückchen der „Neuorientierung" nur schwer erkämpft. Vielleicht darf ich ein klein wenig aus der Schule plaudern: Eines Tages suchten mich ein paar bekannte vornehme jüdische Akademiker auf und besprachen mit mir die Frage: wie den rund 30 000 polnisch-jüdischen Arbeitern zu helfen wäre, die damals in Deutschland arbeiteten und manche Klage zu führen hatten über Behandlung, Entlohnung, Speisung und dergl. Als ich im Laufe der Unterhaltung Inverbindungtreten mit der Generalkoinmission der Gewerkschaften empfahl, machten die Herren zunächst sehr erstaunte Gesichter, bald aber leuchtete ihnen ein, daß nach Lage der Dinge hier der einzig richtige Weg gewiesen war. Wenn sich die jüdischen Kampforganisationen im oben dargelegten Sinne modernisieren, dann werden sie von den großen Arbeiterorganisationen auch sonst noch manches lernen können. Zunächst (ich