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Neue jüdische Monatshefte · 1918-01-25 · Heft 8 (25.1.1918) · p. Seite 172

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 8 (25.1.1918)
Article
Neu-Orientierung
Date
1918-01-25
Page
Seite 172 (sequence 2)
Language
German
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172 gelangt. Es ist anders gekommen, und in den drei Jahren seitdem haben wir insgesamt so viel erfahren und gelernt, daß wir der Aufrollung des Problems dieser „Neuorientierung" abermals reifer und sicherer gegenüberstehen. Wer auf alle Zeichen der „großen Zeit" 1914/1918 gemerkt hat> für den bedurfte es nicht erst jenes „streng vertraulichen" Augenöffner- Briefes, den die „Jüdische Rundschau" Ende November ans Licht gezogen hat. Denen aber unter den deutschen Juden, die noch immer in ihren selbstbetrügerischen gefährlichen Illusionen dahinduseln, sollte er 5 mal des Tages vorgelesen werden: der Brief des Hamburger Generalsekretärs Henningsen an einen professoralen Gesinnungsfreund, dem erzählt wird von einer Ausgang 1915 abgehaltenen Besprechung der Reventlow, Bartels, Schmidt-Gibichenfels und Konsorten, zu denen ein General und ein Regierungsrat gesellt waren, d i e abernichtgenannt sein wollen! Was war es nun, das diesen Herren am Herzen lag? — »Die schnellste Verwendung des umfangreichen belastenden Materials, das der Weltkrieg gegen das Judentum ergeben hat!" Einige dieser Veröffentlichungen will man nach Beendigung des Krieges sofort und überraschend auf den Markt werfen, und zwar nicht im offenen Buchhandel, sondern auf dem Schleichweg des Gratis-Einzelversands an zahlreiche Offiziere (an erster Stelle!), Offiziersheime, Fabrik- und Gutsbesitzer, Kaufleute, Rechtsanwälte, Ärzte, Studenten usw. Aus diesem Kriegsplan ersehen wir u. a. wieder einmal, wie anrüchig das Antisemitenmetier ist. Dermaßen nämlich, daß Leute, die an ihrem mehr oder minder guten Namen etwas einzubüßen haben, von den Bartels, Bruhn usw. Unter den Linden nicht gegrüßt zu werden wünschen. Daraus ergibt sich die gute Lehre, daß derai-tig bescheidene Leute nun gerade aus ihren Unterständen herausgeholt und ins helle Tageslicht, dessen Blendung sie scheuen, gestellt werden sollten. Dem jüdischen Arzt, Kaufmann, Anwalt, dessen Name im Zusammenhang mit einer Gerichtsverhandlung, einer Straßenszene oder einei4 sonstigen unliebsamen, oft recht kleinlichen Angelegenheit durch den Kot der „Wahrheit" und ähnlicher Organe gezerrt wird, behagt es auch nicht, daß man ihn anprangert. Und doch findet er bei der antisemitischen Presse keine Rücksicht, wie sie Leuten mit christlich klingenden Namen auch von ihr gewährt wird. Da mag denn, was dem Kaufmann Cohn, dem Rechtsanwalt Isaak, dem Arzte Dr. Schmul recht, dem General ' von Schneidewitz, dem Regierungsrat Dr. Lenz billig sein. Der Jude kann so sanftmütig, so bar jedes Rachegefühls sein wienur irgend möglich — die Antisemiten werden ihn ja doch als Bannerträger der Religion des „düsteren alten Rachegottes" weiter rubrizieren. So lerne er denn endlich, auf einen Schelmen deren anderthalbe zu setzen! Dies ist allerdings leichter empfohlen als getan, zumal wenn an die Stelle der bisherigen, in der Hauptsttche defensiven Taktik bei passender Gelegenheit die offensive treten soll.

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