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Neue jüdische Monatshefte · 1918-01-10 · Heft 7 (10.1.1918) · p. Seite 161

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 7 (10.1.1918)
Article
Die Entwicklung der modern-hebräischen Sprache
Date
1918-01-10
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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161. Wickelung, die sie herbeigesehnt hatten, in Deutschland verwirklicht wurde, daß je rascher die Juden aus den engen, mittelalterlichen Gassen des Ghetto in die freie Luft des neuzeitlichen Lebens hinaustraten, um so rascher die hebräische Sprache überhaupt von ihnen vergessen worden ist. Die unverändert trostlose Lage der Juden des europäischen Ostens, die eine Assimilation der großen Masse an die Umgebimg erschwerte, und einige glückliche Umstände, die zu Hilfe kamen, ließen die Anregung zu einer Erneuerung der hebräischen Sprache auf einen fruchtbaren Boden fallen. Dort im Osten ging von zwei entgegengesetzten Polen ein Ansturm auf die alte talmudisch-pilpulistische Richtung aus. Von der einen Seite rüttelte der gefühlvolle, schwärmerische Chassidismus an den Schranken des trockenen, in peinlicher Gesetzeserfüllung erstarrten Lebens. Von der anderen Seite wurde auf dem Boden des nüchternen Talmudstudiums gegen die zur Gedankenspielerci ausgeartete Methode des spitzfindigen Pilpuls der Kampf eröffnet. So entstanden hier Anregungen zu neuem geistigen Leben, die auf die Entwickelung der hebräischen Sprache durch Zuführung von neuem Stoö und Inhalt förderlich einwirken. In Wissenschaft und Dichtung gelangte hier die hebräische Sprache in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder zu einer kaum mehr erwarteten Blüte. Allein ähnliche Folgen der ein neues Leben predigenden Lehre drohten wie im Westen auch im" Osten dem Aufblühen des Hebräischen ein schnelles Ende zu bereiten. Dem Juden, der unter dem Einflüsse der neuen Zeit immer mehr den alten sozialen und religiösen Formen entwuchs, lockerten sich auch die Bande, durch die er bisher mit dem Hebräischen zusammengewachsen war. So traf die Freunde der hebräischen Literatur das Schicksal, daß die hebräischen Werke fast keino Abnehmer mehr fanden. Jehuda Löb Gordon, der größte und bedeutendste hebräische Dichter und Publizist dieser Zeit, sah die dem Hebräischen drohende Zukunft vor sich und brach verzweifelt in den Kuf aus: „Mi jodea0,?im lo ha'acharon bime*ehorcre zijjon hinneni, 'im lo gam Gittern hakkore?im iia'acharonim!" „Wer weiß, ob ich nicht der letzte Zionsdichter bin, und ob nicht auch ihr die letzten Leser seid!" Ein Rettungsanker für die Weiterentwickelung der hebräischen Sprache war das auftauchende nationale Bewußtsein im Volke. Im Jahre 1870 gründete der junge energische und talentvolle Schriftsteller Per e z S m o 1 e ns k y die hebräische Monatsschrift II a s c h scha - c Ii a r , „Die Morgenröte44. In dieser „erhob er44 — ich zitiere das bereits genannte Buch von Leo Motmann — „die Geißel seiner kraftvollen Kritik in edler Sprache ebenso gegen den Fanatismus der Ostjuden wie gegen die scheinbar reformatorischen, tatsächlich aber assimilatorischen Bestrebungen der westeuropäischen Juden. NicEt einer äußerlichen, nachäffenden Reformation bedürfe das Judentum, sondern einer inneren Umgestaltung seiner Verhältnisse auf der Basis seiner eigenen Literatur, seiner eigenen Geschichte und Sprache4'. Smolenkys Zeitschrift wurde der Sammelpunkt aller bedeutenden hebräischen literarischen Kräfte. Die hebräische Sprache hörte in diesem Kreise auf.

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