Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 7 (10.1.1918)
- Article
- Max Brod und seine Zeit
- Date
- 1918-01-10
- Page
- Seite 155 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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155 zum Geistigen. Blaß ahnt er (und sein DicJiter), daß ein wesentlicher Bruchteil seines Charakters sein Judentum ist: „. . . etwas, was ihm selbst zart und wohlklingend vorschwebte, ohne daß er es hätte ausdrücken können ..... etwas, was edel und jüdisch zugleich war. Er ahnte es, obwohl er es noch nie erlebt hatte." Arnold Beer hat dieses Erlebnis. In ihm entsteht auch noch einmal der Indifferentismus. Doch nicht mehr ist er (wie im „Nornepyggc") Schicksal, rasende Katastrophe der Jahrhundertwende, tödliche Erschütterung eines Lebens, vielmehr bloßer Zustand der Ur^cntschlosscnlieit. Gewiß: auch Arnold Beer leidet; doch es geht nicht um Tod und Leben, .sondern um Beschäftigungen. Das Erlebnis aber, das seinem Optimismus Berechtigung gibt, ist die Begegnung mit dem Judentum. Ein Besuch bei der Großmutter gibt Arnold Kraft und Entschlüsse. Sie, die zeitlose Synthese ihres Volks, glüht im starken Zorn und in unendlicher Güte, in kindlicher Weltfremdheit und überlegenem Witz. Jetzt richtet sich vor Arnold Beer der jüdische Typus auf, in dem er sich selbst erkennt, über die Betrachtung der Weltoberflächo siegt das Schicksal des Bluts: das Bewußtsein eines Besitzes, der neue Lebendigkeit zu schaffen vermag. Diese Einsicht zeigt, daß auch.dies „Schicksal eines Juden" vor den Entscheidungen endet. Denn sie ist nur psychologische Besinnung, ein Anfang und noch kein Ziel Statt der nihilistischen Katastrophen erfolgt die Verankerung in der Natur. Nationalität, Rasse, Artung: sie sind ein Stück Natur. Ein arideres: Sinnlichkeit und Gefühle. Die erotischen Dichtungen Brods („Weg des Verliebten'', „Ein tschechisches Dienstmädchen", „Ausflüge ins Dunkelrote", „Tagebuch in Versen") halten sich an Innigkeit und Genuß des körperlichen Lebens. Das Dnsein formuliert sich in alltäglichen Ereignissen, hinter denen die sichere Totalität der Natur ruht. Nicht Geist, sondern Sinnlichkeit soll das Fieber des Indifferentismns löschen. Liebe ist das Thema des romantischen Schauspiels „Die Höhe des Gefühls", die reine und starke Liebe eines Künstlers, die jede Beziehung zum Niedrigen und Kleinen abbricht. Sie beherrscht ein Leben als starke und gerade Beziehung, zur Welt, die sie verschönt und bewegt, und wird zur Abwehr alles dessen, was bürgerlich und nur nützlich ist. Doch es geht um Entscheidungen, zu denen Skepsis, Optimismus und Gefühle nicht taugen; es geht um das Wesen von Leben und Welt, um Gott und die Erde. Wir müssen uns zu Standpunkten entschließen. Max. Brod findet seinen im Judentum. Jüdische Artung und Geschichte erschließen ihm die Menschheit, das umfassende Objekt des Geistes: sie geben ihm Ziele und Zentrum in dieser Welt. In einer Reihe von eindringlichen Aufsätzen (denen bald ein Buch folgen wird) hat Brod seine jüdische Position festgelegt. Die Unzulänglichkeit der heutigen Welt ist für Brod vor allem die Unzulänglichkeit des modernen Europas. Ihm stellt er das Judentum (besonders das östliche) gegenüber. Es beschränkt sich nicht auf die Eigenart der Basse und des Kultus, sondern ist vielmehr eine bestimmte geistige