Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 7 (10.1.1918)
- Article
- Max Brod und seine Zeit
- Date
- 1918-01-10
- Page
- Seite 154 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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154 junges Leben, das sich auf alle Fragwürdigkeiten des Daseins stürzt. Hier ist das unendliche Erlebnis des Geistes, das über Widersprüche und Erschütterungen hinstürmt, den Leser mitreißend in alle Abgründe des Lebens. Hier ist aber auch die Not der Zeit, die Katastrophe ihrer Zwecklosigkeit, ihr Ende vor der Entscheidung. In aller seelischen Bereicherung, der Intensität des Leidens und des Zweifels, leuchtet keine Rettung auf, die das Erlebte zum Fortschritt machen, die Skepsis durch den Entschluß zerstören könnte. Auf jeden Fall gibt es aus dieser Welt des Indifferentismus nicht leicht einen Ausweg. Rousseau und Tolstoi wiesen in skeptischen Zeitaitern auf die Segnungen der Natur. Diesen Schritt können wir heute und im europäischen Westen nicht mehr tun. Doch irgendwie gingen wir in gleicher Richtung, als wir uns der Romantik der Gefühle und Weltfreudigkeit verschrieben. Ähnlich wie die ersten Gedichte Werfeis zeigen die folgenden Bücher Brods stärkste Weltbejahung. Es sind Werke „mittlerer Tendenzen", freundliche Bemühungen um die Erde, Ausblicke in größere Heiterkeit. Der Indifferentismus scheint beendet, zwar nicht durch eine Entscheidung, doch durch Ausflüge in Gebiete, wo es einer solchen nicht bedarf. Statt der Problematik des Daseins erscheinen sensible Empfindungen, Flaubert-Stimmungen an der Grenze zwischen Genießertum und Leidenschaft, „Ausflüge ins Dunkelrote". Schließlich erfolgen die Durchbrüche der Sinnlichkeit und des Optimismus. Es kommen Bücher der Freude und der Liebe, der Deskription und der Gefühle. Diese Deskription ist aber nicht landschaftlich und sachlich-nüchtern; sie ist hirnlich und.nervös, mit feiner Sprachkultur, die auch über die Unsicherheiten des Denkens und Lebens zu berichten weiß. Aber die schmerzliche Problematik des Nornepygge, sein faustischer Kampf, seine tragische Geistigkeit haben hier keinen Raum. Nicht nur der Dichter Max Brod, nein, die Zeit entweichen den Kämpfen und Entscheidungen, um im heiteren Beschauen der Welt und ihrer Gefühle Ruhe zu finden (ohne daß das wertvolle Erlebnis des Indifferentismus völligverloren gehen kann). Aus diesem Bezirk der Deskription und des Optimismus stammen Brods Romane „Jüdinnen" und „Arnold Beer" (und der Novellenband „Weiberwirtschaft"). Beide Romane spielen in jüdischen Kreisen. Doch da sie nur breite Beschreibung moderner Umwelt sind, ist es wohl mehr die körperliche und seelische Nähe als die Besonderheit des jüdischen Stolfes, die diese Wahl bestimmte. Trotzdem ist die heimliche . Problematik der Juden da: nicht als Thema, doch als Nebenprodukt . der Beschreibung. In den „Jüdinnen" lernen wir bestimmte Typen . heutiger jüdischer Jugend kennen. Sie umgibt eine eigene, erregte Atmosphäre, in der in einem fortgeschritteneren Stadium die bloße Beschaulichkeit nicht mehr gedeihen kann, vielmehr die Gewitter der Entscheidung sich entladen müssen. Auch im „Schloß Nornepygge" ist ein Jude dargestellt: der Clown Polledi, doch fratzenhaft und grotesk, übergössen von der Verachtung für die eigene Rasse. Hugo Rosenthal . (in den „Jüdinnen'4) zeigt oft des jungen Juden glühende Leidenschaft