Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 7 (10.1.1918)
- Article
- Max Brod und seine Zeit
- Date
- 1918-01-10
- Page
- Seite 153 (sequence 2)
- Language
- German
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4 fift ft Erkanntes und Gewolltes. Im Anfang allerdings zögert sie noch un'I beruhigt sich bei der Feststellung der Eindrücke und .Gefühle, ohne die Ursachen zu bewerten. Doch dann besinnt sie sich auf dio alten Forderungen jedes Schöpfertums: Prophet und Helfer zu sein; neue Sohnsucht und Entschlüsse zu wecken. Der Weg unserer Zeit führt vom Nihilismus durch Weltbejahung zu einer wesenhaften Geistigkoit. Daß diesen Weg ein Jude beschreitet, ist sachlich ganz belanglos; nur der Rhythmus der Ereignisse und Stimmungen erscheint vielleicht dadurch beschleunigter und nervöser. Aber Erod findet jene deutliche Entscheidung, die die heutige Stufe uns abverlangt, im Bekenntnis zum Judentum. Der Nihilismus war die Reaktion auf dio Erfolglosigkeit des 19. Jahrhunderts, auf seine schwächliche Neutralität gegenüber tiefster Widersprüche, auf seine Mechanisierung des öffentlichen Lebens. Er .war die Gesinnung eines haltlosen Europas. Seine erste (noch sehr positive) Definition stellte Turgenjew auf; Nietzsche gab Psychologie und Schicksal des europäischen Nihilismus: als Entwertung der obersten Werte; als Pessimismus in Denken, Politik und Kunst; als döcadenee. Aus diesem Nihilismus stammen .auch die ersten Bücher Max Brods1). Die Skizzen „Tod" den Toten" sind letzte und feinste Skepsis eines verzweifelten Erben Schopenhauers. Sie zerfasern Ereignisse und Stimmungen und bleiben stehen bei ihrer eigenen Hirnlichkeit. Ihre Bedeutung liegt in dem Analytischen der Methode und der Problematik ihrer Stoffe. Diesen kleinen Nachdenklichkeiten folgte das klassische Buch, ihrer indifferenten Gesinnung: der Roman „Schloß Nomepygge". Mit wilder Leidenschaft ergreift der Dichter seine und seiner Zeit Verzweiflung. Er sieht ihre Begegnungen und Haltungen, ihre Typen und Gewohnheiten, ihre Antworten und Stile. In dieses Leben, seine Betäubungen und Feste, stellt er die Besinnung eines jungen Menschen, der jeder Möglichkeit des Daseins preisgegeben ist. Walder Nornepygge — wir alle haben seine Sehnsucht gekostet, seine Experimente versucht, seinen Verzicht erlitten — glaubt, Entscheidung und Rettung aus ewiger Skepsis im Ästhetischen finden zu können, im Stil seines Lebens. Doch jeder Stil sagt ihm gleich viel und gleich wenig. Er erkennt seine Tragik: daß ihm alle Stile zugleich liegen. Er weiß aber auch, daß sich in ihm die Tragik der Zeit vollzieht, die in Geschäftigkeit und Gesinnungslosigkeit die Zwecke verlor: „Ich weiß, was id\ bin. Ein Kind unserer Tage, Zeitgenosse der Eisenbahnen und großen Kolonialreiche, krank von den einströmenden Schlitzen dos Weltverkehrs, krank von allzuviel Empfängnis, von allzu vielen Möglichkeiten, unabgeschlossen, ein Opfer des geistigen Freihandels, durchfurcht von allen Dampferlinien und TclegraphendrUhtcn der Weit." Dies Buch ist in artistischer und sachlicher Hinsicht das vollkommene Dokument seiner Gegenwart. Hier ist leidenschaftliches und x) Seine sämtlichen Schriften sind jetzt bei Kurt Wolff Verlag, Leipzig, Yereinigt.