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Neue jüdische Monatshefte · 1918-01-10 · Heft 7 (10.1.1918) · p. Seite 149

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 7 (10.1.1918)
Article
Die Erklärung der Reichsregierung
Date
1918-01-10
Page
Seite 149 (sequence 2)
Language
German
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149 sich. Prinzipienkämpfe sind nie etwas anderes als sublimierte Gruppenkämpfe, die Prinzipien sind die Farben oder Symbole der miteinander streitenden, zum Ausgleich, zur Statik strebenden Interessen: Schwarz- Weiß-Rot gegen Rot-Weiß-Blau, die rote gegen die weiße Rose, der Adler gegen den Hahn, das Christentum gegen den Islam, die „Demokratie" gegen den „Militarismus". Gleich den Geistern in der Hunnenschlacht kämpfen die Ideen oben im Reiche des Geistes die Schlacht mit, die unten auf der katalaunischen Ebene der „materiellen" Interessen die lebendigen Gruppen selbst ausfechten. A Nun sind die Gruppeninteressen sub specie aeternitatis nicht gleichwertig. Es gibt eine klare, unzweideutige Tendenz der Entwicklung, und alles, was sie fördert, ist, sozialphilosophisch betrachtet, legitim, alles, was sie hemmt, illegitim. Diese Tendenz geht, äußerlich, formal betrachtet, auf Schaffung immer größerer Kreise, immer größerer, durch gleiche Interessen und die daraus entstandene consciousness of kind zusammengehaltener Gruppen, und innerlich, dem Inhalt nach betrachtet, auf die Durchsetzung der vollen Reziprozität innerhalb dieser immer vergrößerten Gruppen, der Auswirkung des kategorischen Imperativs der Sittlichkeit und Gerechtigkeit, der an sich eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Interesse aller Gruppen ist und darum das oberste aller Prinzipien darstellt. Aus dieser Erwägung ergibt sich die Stellung zum Problem der nationalen Minderheiten von selbst. Die Integration der lokalen Gruppen zu immer größeren Verbänden mußte eines Tages die Sprach- und Stammesgrenzen überschreiten. Von dem Augenblick an mußte sich das praktische Problem immer mehr zuspitzen, wie es möglich sei, Gruppen verschiedener Sprache und ethnischer Abstammung ohne Vergewaltigung zusammenzuhalten. Denn das hatte sich in den lebendigen Experimenten der Weltgeschichte, den Nationalitätenstaaten und sogar den Nationalstaaten mit eingesprengten fremdsprachigen Völkersplittern, deutlich genug gezeigt, daß auf dem Woge der Vergewaltigung das vornehmste aller Ziele, der Zusammenhalt der Groß-Gruppe, auf die Dauer nicht möglich ist. Die von vier Sprachstämmen bevölkerte Schweiz auf der einen Seite, Österreich-Ungarn und vor allem das jetzt an allen ethnologischen VerleimungsMchen auseinanderfallende Rußland zeigten jedem nicht unheilbar Blinden oder Verstockten den Weg des Heils dort, des Unheils hier. Die Lösung des Problems liegt in der sogenannten „nationalen Autonomie" der Minderheiten, die besser, um das in vielen Farben schillernde und deshalb vortrefflich für politische Mystifikationen geeignete Wort „national" zu vermeiden, als „sprachlich-kulturelle Autonomie" oder, kürzer und praktischer, mit einem Wort, das zwar nicht alle, aber alle wichtigen und bestrittenen Einzelzieie deckt, als „S c Ii u 1autonomie der Minderheiten" bezeichnet werden sollte. Unsere Leser kennen den Inhalt dieser Forderung aus früheren Aufsätzen und Mitteilungen: jeder Bürger von Staaten gemischter Sprache und Kultur erklärt frei, zu welchem Sprachstamm er sich rechnet; er bildet mit den anderen in den gleichen „Kataster" eingetragenen Mit-

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