Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 6 (25.12.1917)
- Article
- Die Judenfrage in der Internationale
- Date
- 1917-12-25
- Page
- Seite 138 (sequence 3)
- Language
- German
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133 ihm als alter revolutionär-sozialistischer Organisation Rußlands auch gewährt wurde — eine Entscheidung, mit welcher der „Bund" zwar einverstanden war, die aber eigentlich die nationale Selbständigkeit der Juden verneinte* Zu einer erneuten Aufrollung der jüdisch-nationalen Gesamtfrage kam es erst 1907, als die inzwischen entstandenen territorialistischen Organisationen, besonders die Partei der Poale Zion, eine "besondere Vertretung in der Internationale und auf dem Stuttgarter Kongreß verlangte. Es ist von typischer Bedeutung, daß diese Forderung damals vom sozialistischen Kongreßbüro als berechtigt anerkannt wurde, später aber auf Betreiben des jüdischen „Bund", der den Anspruch erhob, als einiger Vertroter des jüdischen Proletariats anerkannt zu werden und in dem von den Poale Zion erstrebten jüdischen Gemeinwesen in Palästina eine Stärkung des Imperialismus sah, sowie auf Betreiben deutsch-jüdischer und österreichisch-jüdischer Parteiführer, die das Heil des Judentums in der Assimilation sehen wollten, als nur für die Stuttgarter Tagung gültig ausgelegt wurde. In dieser Schwebe zwischen Anerkennung und Nichtanerkennung seiner nationalen Besonderheit durch die Internationale hat sich das Judentum seither befunden. Inzwischen hat der Krieg das allgemeine Verständnis für Nationalitätenprobleme gewaltig gestärkt und besonders in der Sozialdemokratie das Bewußtsein ihrer Verpflichtung gegenüber den kleinen und ungeschützten Nationen gefestigt. Nachdem die Revolution den unterdrückten Völkerschaften Rußlands, darunter auch den Juden, die Anerkennung ihrer besonderen Nationalität gebracht und ihre Ansprüche auf kulturelle Autonomie gewürdigt hat, nachdem gewisse unhaltbare Zustände in der Nationalitätenfrage Österreichs zutage getreten sind und die Ereignisse gelehrt haben, daß auch Nationen, die ihres eigenen Territoriums beraubt sind, nicht aufhören, als Nationen weiterzuexistieren (Belgier, Serben, Montenegriner), wird die sozialdemokratische Internationale das Staatenprinzip endgültig verlassen und zum Nationalitätenprinzip übergehen müssen. Sie wird nicht nur den Ukrainern, Kroaten und Litauern, sondern auch den Juden die Anerkennung als besondere nationale Partei nicht länger versagen können. Im Falle der Juden könnte sie einen abschlägigen Bescheid umsoweniger verantworten, als während des Krieges die Kunde von der eigenen jüdischen Sprache, eigenen Literatur und Presse, von den eigentümlichen sozialen Bedingungen der Juden (z. B. das Kleinhandwerk in Polen, das Schwitzbudensystem in Amerika) in weite Kreise gedrungen ist und sie von dem Vorhandensein eines besonderen jüdischen Nationalcharakters völlig überzeugt haben muß. Tatsächlich lehrt das Programm des holländisch-skandinavischen Komitees, daß dio sozialdemokratischen Parteien bereit sind, mit der Anwendung des Nationalitätenprinzips Ernst zu machen und dieses auch auf die Juden zu erstrecken. Dieses Programm geht sogar weit über das hinaus, was die Anhänger eines Schutzes der kleinen Nationalitäten vor dem Kriege von der Internationale erwarten konnten. Wäh-