Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 6 (25.12.1917)
- Article
- Die außenpolitische Bedeutung der nationaljüdischen Bewegung
- Date
- 1917-12-25
- Page
- Seite 131 (sequence 4)
- Language
- German
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Staat dem kleineren Volke gibt, ist eine wahre nationale Selbstbestimmimg für dieses auf die Dauer gar nicht mehr denkbar. Das gilt natürlich nicht nur für das jüdische Volk, sondern ebenso für all die kleinen. Nationen, die jetzt nach dem Selbstbestimmungsrecht verlangen. Wenn man nun auch begreifen kann, daß die türkischen Staatsmänner das Wort von der kulturellen Autonomio nicht allzusehr Heben, da dies der Anfang war, der zum Verlust ihres europäisch-balkanischon Besitzes führte, so liegen die Dinge doch heute wesentlich anders. Heute muß mit den Erfahrungen dieses Krieges gerechnet werden, die in der Frage des Selbstbestimmungsrechts der kleinen Nationen nur in dem oben erwähnten Sinne wirken können. Und außerdem ist es, wie gesagt, gar nicht der Wunsch des Zionismus, Palästina vom türkischen Reich loszulösen; in zionistischen Kreisen ist man realpolitisch veranlagt und Gegner separatistischer Bestrebungen. Mit den Balkanstaaten war es seinerzeit eine ganz andere Sache; die Lebensbedingungen für ein jüdisches Palästina sind von denen der Balkanvölker aber auch wesentlich verschieden. Für die Türkei ist noch ein Umstand von großer Bedeutung. Palästina ist vorläufig von wenig Juden (etwa 70—80 000), aber von sehr viel mehr Arabern (etwa 500—600 000) bewohnt. Diese Araber sind bekanntermaßen in ihrer großen Mehrzahl türkenfeindlich und den gut zahlenden Engländern zugeneigt, und, aller Voraussicht nach, wird das so bleiben. Eine starke jüdische Besiedlung liegt daher im direktes Interesse der Türkei; nur auf diese Weise kann sie damit rechnen, das heute nur lose mit dem Ottomanenreich zusammenhängende Gebiet nieder an sich zu fesseln und erheblichen finanziellen Gewinn aus ihm zu ziehen. Die Türkei kann in der Tat gar nichts besseres für ihre eigenen Zwecke tun, als die jüdische Kolonisation mit allen Mitteln zu fördern. Denn sie würde dadurch nicht allein einen zahlenmäßig beträchtlichen Zuwachs an loyalen, dem türkischen Gesamtstaat ergebenen Bürgern erhalten, sondern auch eine neue Blüte des wirtschaftlich jetzt noch unbedeutenden palästinischen Gebiets erleben, die für die Erstarkung der gesamttürkischen Wirtschaft von allergrößtem Nutzen sein müßte. Geeignetere Elemente zur wirtschaftlichen Erschließung Palästinas als die Juden kann es überhaupt nicht geben. Das beweisen einmal die bisherigen Ergebnisse der Arbeit der ganz auf die eigene Kraft angewiesenen, ohne jegliche behördliche Hilfe schaffenden Kolonisten. Zweitens aber ist es gewiß, daß den Menschen, deren höchste Sehnsucht es ist, an bestimmter Stätte leben und arbeiten zu können, die Erfüllung dieser Sehnsucht Kraft und Lust zum Schaffen verdoppeln muß. Diese Tatsache finden wir überall im Leben bestätigt. Und wenn sie schon im allgemeinen richtig ist, so muß sie um so stärker in diesem besonderen Fall wirken, wo für Zehntauscndo und Abcrzehntausende von Juden das Palästinaziel höchste Erfüllung religiösen und all ihres anderen gefühlsmäßigen Empfindens bedeutet. Palästina ist ihnen das Land der Väter, die Heimat, aus der widriges Geschick sie einstmals vertrieben hat, die wiederum zu besitzen und neu aufzubauen alle Kraft hergegeben werden wird.