Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 6 (25.12.1917)
- Article
- Der preußische Rabbiner
- Date
- 1917-12-25
- Page
- Seite 127 (sequence 5)
- Language
- German
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wird, ein Führer der Gemeinde sein. Unter den heutigen oft unendlich verstimmenden Arbeitsbedingungen ist es . geradezu erstaunlich, welche Berufsfreudigkeit unter den Rabbinern herrscht, und sie wird einen Begriff davon geben, was erst geleistet werden würde, wenn die Lust am Schaffen durch eine würdige Stellung angeregt und unterstützt würde. AVenn nun auch die innerliche Hebung des Standes der Angelpunkt ist, um den alles sich dreht, so sei darum der Eindruck auf die Welt nicht übersehen. Wie soll sie aber dem geistlichen Führer des Judentums die Achtung erweisen, die man in der Judenheit von ihr erwartet,1 wenn die Voraussetzung der starken inneren Stellung fehlt! Hier muß die Forderung aufgestellt werden, daß der Rabbiner unter allen Umständen in der Öffentlichkeit als Vertreter des Judentums zu gelten habe! Jenes vielbelachte Begebnis, daß beim Kaiserbesuch in der Synagoge einer Großgemeinde sich unter den Vertretern der jüdischen Rel i gio n s gemeinde kein Rabbiner befand, hat einen sehr ernsten Kern. Auch in_ den Augen der Staatsbehörde ist es langst auffällig und befremdlich, daß sie selbst in rein religiösen und in Schulangclegenheiten mit Laien verhandeln muß. Was in Süddeutschland selbstverständlich ist, sollte auch in Preußen möglich sein, und dem Ansehen des Judentums würde es ebenso dienlich sein wie den von ihm erhobenen Forderungen, wenn die religiöse Körperschaft der Welt gegenüber durch die Diener der Religion vertreten würde. In einer Zeit, die mit so unendlich vielen traditionellen Ungerechtigkeiten aufräumt, sind die politischen Grundlagen für eine radikale Änderung der bestehenden Zustünde gewiß vorhanden, und der religio s e Aufschwung der Zeit — trotz des Skeptizismus, in den uns der Rückschlag des Weltkrieges versetzt hat, ist er unzweifelhaft vorhanden —■ bestimmt die Richtung. Trotz der festen Hoffnung auf die Einsicht des preußischen Judentums, daß es so nicht weiter gehen kann* wird freilich der Rabbinerstand soin Schicksal selber schaffen und seine Forderungen, die mit den wohlverstandenen Interessen des gesamten Judentums identisch sind, in fest geschlossener Organisation vertreten müssen. Was jetzt als Zusammenfassung der Kräfte vorhanden ist, kann noch keineswegs als ideal bezeichnet werden. Die tief empfundene Not hat aber bereits belebend gewirkt, und im Rabbinerverbande gewinnt eine zielbewußte Strömung allmählich die Oberhand, die eine Erfüllung seines Programms für die dringendste Reformaufgabe im preußischen Judentum ansieht. Besonders die junge Generation weiß, um was es geht, und sie ist fest entschlossen, unbeirrt ihren Weg zu gehen. Schon beginnt man in den Gemeinden, manchen Wünschen mit besserem Verständnis zu begegnen, und so darf man hoffen, daß der Rabbiner ohne Kampf und ohne verstimmende Gegensätzlichkeiten auf dem Wega friedlicher Verständigung durch die überzeugende Kraft seiner Forderungen einen Sieg erringen wird, der zugleich auch ein Sieg für db gesamte deutsche Judenheit sein wird.