Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 5 (10.12.1917)
- Article
- Jüdische Gemeinschaft
- Date
- 1917-12-10
- Page
- Seite 111 (sequence 6)
- Language
- German
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Die jüdische Sozialethik ist der Ausdruck der innermenschlichen Gemeinschaft des Volks, wie der der außermenschlichen mit Gott der sakramentale Kultus ist. Dieser erstarrte zum Ritual oder nahm den Weg zur individuellen Religiosität der Mystik, wie wir sie heute noch bei den Chassiden finden. Die ethische Gemeinschaft des Volkes aber ward (in der neueren Zeit) die eigentliche jüdische Wirklichkeit. Sie ist nicht dargestellt durch die Weisheit der Propheten und der Rabbinen; diese sind nur die zeitlich gebundenen, oft sehr edlen Formulierungen des gemeinschaftlichen Inhalts; dieser selbst ward die menschliche Mission der Juden. Es gilt stets für den Juden, sich zu entscheiden. Einst gab es die Entscheidung zur Gottheit als der Einheit der Welt und ihrem sittlichen Postulat. Dann kam die Entscheidung zum Mitmenschen, zur Einheit des Volks und tätigen Nächstenliebe. Sie bestimmt noch heute die jüdische Gemeinschaft, macht sie zum Brennpunkt aller Bestrebungen menschlichen Fortschritts, zum Sammelbecken des Leidens und der Entschlüsse. Das Bekenntnis des heutigen Juden findet seine letzte Intensität nicht mehr im Glauben an eine seiende Ordnung der Welt; es wird vielmehr das Bekenntnis zur eigenen Gemeinschaft sein, nicht als einer Angelegenheit der Natur, sondern des Geistes, nicht als einem Sein, sondern als einem Soll, nicht als Besitz, sondern als Mission: „den Völkern das Recht zu verkünden". Das Bekenntnis zu dieser Gemeinschaft und ihrer Mission ist nicht weniger religiös als das zur außermenschlichen Gemeinschaft mit Gott. Religion ist ja mehr als der paulinische „Gehorsam des Herzens'4. Sie ist die Hingabe an eine Sendung; das Bewußtsein des ethischen Korrelats in der WTelt; der Wille, ihm zu folgenw Vor allem aber ist diese Gemeinschaft die lebendige Fortführung des alten Prophetentums, des ewigen Bundes mit Jahwe, dessen Sinn aber nicht mehr die göttliche Autorität, sondern. das göttliche Postulat und seine irdische Befolgung ist. (Die innermenschliche Gemeinschaft der Juden besteht nicht allein auf dem Gebiete des Glaubens und der sozialen Ethik. Sie findet sich allenthalben, wo jüdische Artung schöpferisch ist, wo der jüdische Charakter eine Objektivität durchdringt. Diese jüdische Artung ist vor allem jener überaus gefühlsbetonte, leidenschaftliche Rationalismus, der Bibel und Talmud, Glaube und Leben kennzeichnet. Er ist von Nützlichkeit und Alltäglichkeit weit entfernt; der Vorteil, den er meint, Hegt nicht im Materiellen, sondern im Geiste: in der Formulierung des göttlichen und menschlichen Daseins, in der Besinnung auf die höchsten, d>e sittlichen Zwecke. Er bestimmt die jüdischen Gemeinschaften der Denker und Künstler, ihr© Optik und Methoden, ihre psychologische Bedingtheit und den sachlichen Ausdruck. Der Gemeinschaftscharakter in Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft ist aber lange nicht so intensiv wie in der sozialen Ethik, da ja deren Objekt die Gemeinschaft selbst ist. Er ist aber da, weil Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft nur im Zusammenleben der Menschen möglich, weil sie nicht Natur sind. Sie sind Zeugnisse eines Wollens, das in seinem Verlauf notwendig individuell Ist,