Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 5 (10.12.1917)
- Article
- Jüdische Gemeinschaft
- Date
- 1917-12-10
- Page
- Seite 110 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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110 dung auf die Gemeinschaft des Volks das Recht. Der durch da« göttliche Postulat gegebene Inhalt, von dem die Imperative der Moral erst abstammen, ist die. Liebe. Li e b e ist die tätige Teilnahme am Mitmenschen, das Verbundensein zum Glück und Sinn des Ganzen, der eigentliche Gehalt der ethischen Gemeinschaft. Sie ist nicht Gebot; denn sie fordert keine bestimmten Handlungen. Sie ist vielmehr die Ebene, über die die Handlungen eilen, das Land, in dem Moral den guten Taten die Wege bahnt. Das Gebot soll eigentlich nicht lauten: liebe, sondern nur: dein Tun geschehe in Liebe, im Gefühl des Verbundenseins mit deinem Nächsten; das Tun selbst sei gerecht. Liebe ist Voraussetzung zum ethischen Gebot und also auch zum moralischen Handeln. Sie ist der Inhalt, den die Religion (als ethische Gemeinschaft mit Gott) dem jüdischen Volke bescherte. Sie gab dieser Gemeinschaft Substanz, das Vermögen zur guten Tat, den Willen zur Gerechtigkeit. Erst das Erlebnis der (moralischen) Gottheit schuf das Gefühl der Liebe der Menschen untereinander. Das formale Gebote das Gesetz, ist sein Bett im Lande der Gemeinschaft, das Regelungssystem im Bereich empirischen Geschehens. So sind die Worte zu verstehen, mit denen Hillel Religion und Gesetz Israels einem Heiden erklärte: „Sohn, liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dieses ist der Text des Gesetzes; alles übrige ist Kommentar. Nun gehe hin und lerne!" Erst die Diaspora entfalteto die jüdische Liebestätigkeit, ihre Regelung durch Gebote und Gesetze. Die rabbinische Zeremoniai- Gesetzgebung hatte nur sie als Sinn, ebenso die praktische Wohltätigkeit, die in Demut und Fülle der Organisationen noch heute von keinem anderen Volke erreicht wird. Die meisten religiösen Gebräuche und Symbole bekamen ethische Bedeutung. Der vorherrschend soziale Charakter dieser Ethik machte sie zum stärksten Ausdruck der innermenschlichen Gemeinschaft des Volkes. Diese ward bald über die eigene Nation zur ganzen Menschheit erweitet, wenn auch Israel ihr eigentlicher Träger blieb. Die sittliche Gemeinschaft des Volks soll die der Menschheit nach sich ziehen: „Ganz Palästina wird sein wie Jerusalem, und alle Länder wie Palästina" (Pesikta Rabbati). Das ethische Ideal der Juden, die „H e 5 i i g k e i tu, wurde immer wieder vor der Gemeinschaft errichtet. Zu einem „heiligen Volke" forderte die Berufung Jahwes auf. Jeremia verhieß, daß der „Same Israels nicht aufhören soll, ein Volk vor Gott zu sein". Die Vollziehung des friedlichen Rundes aller Menschen aber wird von den Rabbinern als die eigentliche Verwirklichung Gottes gepriesen. „Und wenn ihr also tuet — spricht Gott — wenn ihr zu einem Bunde werdet, in derselben Stunde steige ich empor, werde ich erhöht" (Wajikra Rabbah). Wie aber geschieht die Heiligung des Volks? Nicht durch Gebot und Opfer, nicht durch Gefühle und die Technik religiöser Stimmung, sondern allein durch Taten der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe, durch sittliches Leben in der Gemeinschaft. Das Ziel dieser Taten soll com: die Beseitigung der Not, die ethische Regelung des Lebens, die Gemeinschaft des Guten,