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Neue jüdische Monatshefte · 1917-12-10 · Heft 5 (10.12.1917) · p. Seite 109

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 5 (10.12.1917)
Article
Jüdische Gemeinschaft
Date
1917-12-10
Page
Seite 109 (sequence 4)
Language
German
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109 in den Ereignissen des täglichen Lebens, in den öffentlichen Angelegenheiten und denen eines privaten Kreises kommt uns plötzlich ein Entschluß, aufsteigend nicht aus der Situation, sondern aus einer Helligkeit, um die nunmehr die Welt sich zu drehen beginnt. Unser Wille hat seinen Anfang gefunden und kann jetzt die Erde treffen. Wir fühlen unsere Konkretheit in Raum und Zeit. Unser Judentum greift durch die Maschen seelischer Ratlosigkeit hindurch; es kommt uns der Entschluß zur sittlichen Tat; der Gottesbund vollzieht sich im Ich und im fvaum. Der feste Inhalt des Bundes, das höchste Ideal der ethischen Gottesgemeinschaft, ist die Gerechtigkeit. „Es ist Dir gesagt, Mensch, was frommt und was Jahwe dein Gott von dir verlangt: vielmehr Recht üben und Güte, und demütig wandeln vor deinem Gott" (Micha 6, 6—S), Diese Gerechtigkeit ist nicht formalistisch zu verstehen im Sinne bestehender Rechtsätze, sondern als tiefste ethische Besinnimg. In jedem Augenblick und jeder Lage tritt Gott an sein Volk heran als das ethische Korrelat seines Bundes. Diese ethische Gemeinschaft mit Gott umfaßt noch nicht das ethische Handeln, das nur in der innermenschlichen Gemeinschaft möglich ist. Doch sie ist ihr Postulat und religiöse Kraft. Die unvollkommene Menschlichkeit personifiziert die ethische Vollkommenheit in einer Gottheit, die Gerechtigkeit ist. Die Gemeinschaft mit ihr ist also das Bewußtsein, diese Gerechtigkeit in der irdischen Welt: vollziehen zu müssen. Beide Gemeinschaften mit Gott (die metaphysische und die ethische) bestimmen die inncrmenschlichc Gemeinschaft des Volks, wie diese auch wieder die ersteren veranlaßt. Der religiöse Mensch ist bestrebt, sein metaphysisches Erlebnis auch anderen mitzuteilen und sie zur selben Haltung zu überreden; sonst müßte er in der Isolation der Mystik befangen bleiben. Das Tempelopfer als Symbol der Gottesgemeinschaft war gleichzeitig ein Symbol der Gemeinschaft der Opfernden, die ja in dieser Handlung zur gleichen Idee sich bekannten. Im nachbiblischen Judentum hat die innermenschlicho Gemeinschaft ihr stärkstes Leben auf ethischem Gebiet entfaltet. Sie ist die Fortsetzung der Gottesgemeinschaft in die empirische Welt, die Erfüllung des Postulats im tätigen Leben. Trotz der Verteilung über viele Länder bleibt die gleiche Richtung ethischen Handelns; sie zeigt sich im starren Festhalten am Sittengesetz, dieser formalen Regelung der 'sozialen Gemeinschaft, Denn der Inhalt der innernienschlichen Gemeinschaft der Juden ist vor allem eine gesellschaftliche Moral. Die religiöse Intensität des Volks findet hier ein breiteres Objekt als etwa in den Gemeinschaften von Kunst und Wissenschaften, deren gesellschaftlicher Charakter ja ein bei weitem schwächerer ist. Auch eine individualistische Moral könnte der Tatsache der Gemeinschaft nur sekundäre Bedeutung bewilligen: sio ist für sie kein Ziel des Handelns, sondern nur ein empirischer Faktor, dessen Wirkungen der einzelne spürt. Mehr als die individuale bedarf daher die soziale Moral der festen Regelung des Wollens, des deutlichen Gebots ihres Inhalts. Diese Regelung ist in ihrer praktischen Anwen-

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