Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 5 (10.12.1917)
- Article
- Deutschlands auswärtige Politik und die östlichen Fragen
- Date
- 1917-12-10
- Page
- Seite 100 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908719-2910415--1281-2910434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
too außerordentlicher Anziehungskraft; wehngleich die' wirklichen Schwierigkeiten für die siegreichen Bolschewiki erst dann entstehen dürften, wenn es gilt, durchgreifende Maßnahmen für eine neue wirtschaftliche und soziale Ordnung auszuführen. Wie dem aber auch sei: heute haben wir es vor allem mit der Friedenskundgebung zu tun, deren Bedeutung auch dann nicht unterschätzt werden darf, wenn Lenin und seinen Anhängern das Staatsruder bald wieder entwunden werden sollte. In Bußland wird keine Regierung mehr die Wirkung des bolschewistischen Friedensvorschlags, diö im ganzen Lande ungeheuer sein muß, unbeachtet lassen können. Und es ist wahrscheinlich, daß jede zukünftige Regierung diesen Stand der Dinge nicht mehr wird zurückschrauben können, ohne ihre Existenz unmittelbar zu gefährden. Von der größten Bedeutung für die Entwicklung der russischen Zustände (und auch für die Dauer der gegenwärtigen Regierung) wird natürlich die Antwort der anderen Kriegführenden auf das Friedensangebot Rußlands sein, Es ist kaum anzunehmen, daß Deutschland und Österreich es ablehnen werden, man darf .vielmehr damit rechnen, daß sie ihm grundsätzlich zustimmen werden. Auch wenn, was man kaum bestreiten kann, sich seiner Verwirklichung große Schwierigkeiten in den Weg stellen werden, Soweit Deutschland und Rußland selber in Betracht kommen, liegen die Hauptschwierigkeiten auf dem Gebiet der allgemeinen deutsch-russischen Politik, in der Frage, wie sich das deutsch-russische Verhältnis nach dem Kriege gestalten wird. Durch eine mehr als dreijährige Kriegsentwicklung sind hier Verhältnisse entstanden, die in Deutschland selbst weitgehende Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen haben. Diese Meinungsverschiedenheiten betreffen vor allem die Grundsätze, nach denen im wiedergewonnenen Frieden die auswärtigen Angelegenheiten geführt werden sollen. In welchem Sinne man sich da auch entscheiden mag: es ist Idar, daß die vorbereitenden Schritte dafür schon heute getan werden müssen. In Deutschland ist die Überzeugung Allgemeingut geworden, daß die eigentlichen Kriegsverlängerer in London sitzen und ihr illusorisches Kriegsziel, Deutschland vollkommen niederzuwerfen, immer noch nicht aufgegeben haben. Es kann heute keinen Zweifel mehr darüber geben, daß das Ende des Krieges nicht mehr fern wäre, sobald England sich dazu entschlösse, auf den Boden eines allgemeinen Verständigungsirledens zu treten, der jedwede Vergewaltigung ausschließt. Das müßte natürlich nicht die Wiederherstellung des Status quo ante bedeuten. Es würd.e nur besagen, daß Veränderungen jeglicher Art nicht durch das einseitige Diktat einer der beiden Mächtegruppen, sondern eben durch eine Verständigung unter den Kriegführenden herbeigeführt v/erden sollen. Bisher haben nur Rußland und die Mittelmächte ihre Bereitschaft zu einem solchen Frieden erklärt, und auch die deutsche kmerpolitische Entwicklung zeigt jedem, der sehen will, daß Deutschlands Aufrichtigkeit nicht bezweifelt werden kann. Es ist begreiflich, daß sich bei dieser Sachlage die Stimmen derer mehren, die, nicht nur um des baldigen Friedens, sondern auch um der