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Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 94

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Polen nach der ersten Teilung
Date
1917-11-10
Page
Seite 94 (sequence 9)
Language
German
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94 eigenen Stammes wendeten, ungeachtet des traditionellen Verbots, das einen Appell an das „Gericht der Fremdstämmigen" verpönte. Die Bevollmächtigten eines Teiles der jüdischen Gemeinde in der Stadt Minsk des einfachen Volkes, vornehmlich der Handwerker, beschwerte sich im Jahre 1782 vor dem Litauischen Schatz-Tribunal über die örtliche Kahalverwaltung, die „die Minsker Gemeinde vollständig zugrunde richtete": Die Kahalsleute unterschlagen viele eingelaufene Abgabenzahlungen, die. sie zu ihren eigenen Zwecken verwenden, pressen aus den Armen auf dem Wege des „cherems" (Bannspruches) Steuern heraus, um dieses durch sauere Arbeit erworbene Geld zu entwenden; die Kläger lügen hinzu, daß sie für ihren Versuch, die Missetaten des Kahals vor der Administration aufzudecken, auf eine Verfügung der Kahalvorsteher hin mit Verhaftung, Einsperrung und Ausstellung am Pranger in der Synagoge (den Synagogenpranger nannte man „Kuna") bestraft wurden. In der Hauptstadt Litauens, in Wilna, die durch ihre gelehrten Rabbiner und ihre Geburtsaristokratie weit und breit bekannt war, entstand eine Spaltung im Schöße der Gemeindeoligarchie selber. Hier zog sich ein Zerwürfnis zwischen dem Rabbi rfer Samuel Wigdorowitz und dem Kahal oder richtiger zwischen der Rabbiner- und der Kahalpartei an die zwanzig Jahre hin. Der Rabbiner wurde der Bestechung, Trunksucht, ungewissenhafter Urteilssprüche und Eidverletzung überführt Die zwischen dem Kahal, dem Rabbiner und dem einfachen Volke tobenden Kämpfe erschütterten bis auf den Grund die jüdische gesellschaftliche Organisation in Litauen kurz vor dessen Angliederung an das russische Reich. Einer der wenigen freisinnigen Rabbiner jener Zeit schildert in düsteren Farben das Gebaren der Gemeindeoligarchie: „Die Führer (die Rabbiner und die Vorsteher) verzehren die Abgaben des Volkes und trinken Wein für die Geldbußen; über alle Steuern verfügend, verteilen sie die letzteren und verhängen den Cherem über die Ungehorsamen; die Entschädigung für ihre gesellschaftliche Tätigkeit nehmen sie sich sowohl in offener wie geheimer Weise mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mittein; keine vier Ellen durchschreiten sie ohne Bestechung, und die Annen tragen das Joch . * . Die Gelehrten schmeicheln den Reichen, und die Rabbiner selber verachten einander: die dem Studium der Thora (des Talmuds) obliegen, verachten alle diejenigen, die sich mit Mystik und Kabbala beschäftigen, und das einfache Volk stellt die Aussagen beider Parteien gegeneinander und beschließt, daß alle Gelehrten sich blamieren . . . Den Reichen ist die Gunst der Gutsherren (polnischen) wertvoller als das Wohlwollen der Besten und Ehrlichsten (unter den Juden); der Reiche ist nicht stolz darauf, daß der Gelehrte ihm Ehre erwies, sondern darauf, daß der Fürst ihn in seine Gemächer einführte und ihm seine Schätze zeigte.4' 4 In den wohlhabenden Klassen ist die „Liebe zum Schmuck'4 entwickelt; die Frauen tragen am Halse Perlenschnüre und haben bunte Gewänder an. — Die Erziehung der Jugend in den Chedcrn und den Jeschiboth entartete immer mehr. Von elementaren Wissenschaften allgemein-bildenden Charakters konnte hier nicht die Rede sein; die Schule trug einen rein rabbinischen Charakter. Die talmudische

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