Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Polen nach der ersten Teilung
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 93 (sequence 8)
- Language
- German
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93 konnte dem Christen in den Rechten gleichgestellt werden. Die Züge des österreichischen Systems Josephs IL, das die „Besserung" der Juden auf dem Wege der aufgezwungenen „Aufklärung" und Verschmelzung mit der einheimischen Bevölkerung als der notwendigen Bedingung zur Erlangung der Gleichberechtigung sind in diesem Entwurf unverkennbar. Das Projekt scheint in den von den Ideen des XVIIL Jahrhunderts durchtränkten Kreisen der polnischen Gesellschaft Anklang gefunden zu haben." Die kleine Schrift des „Namenlosen44 erschien im Jahre 1785 in der zweiten Auflage, und im Jahre 1789 wurde sie zum dritten Male von dem Abgeordneten des Vierjährigen Seims Butrhnowitz herausgegeben, der sie mit seinen eigenen Nachträgen begleitete. Dieser Ausgabe entnahm Butrimowitz in der Folge das Gesetzesprojekt der „jüdischen Reform" und legte es der Kommission des Seims vor (1790), der unter dem Lärm der großen französischen Revolution arbeitete. Wie war die innere Lebensgestaltung der eine Million Seelen zählenden jüdischen M.assc in Polen ju jener Zeit beschaffen? Auch hier tut sich vor unseren Augen ein trauriges Bild des Zerfalls auf. Die soziale Verwesung der umgebenden Gesellschaft, die giftigen Zerfallsprodukte des verwesenden Leichnams Polens drangen auch in. das jüdische Leben ein und brachten dessen einst so festen Grundpfeiler zum Wanken. Die nationale Hochburg der Judenheit, die autonome Gemeinde, ging zusehends aus den Fugen. In den südwestlichen Gebieten (Podolien, Wolhynien und das an Österreich abgetretene Galizien) erlitt sie einen schweren Stoß an der großen religiösen Spaltung des Ohassidismus; das Auseinanderfallen der Gemeinde in zwei einander feindliche Parteien einesteils, und die Starrheit der ehassidischen Mehrheit, die sieh zu einer gesellschaftlichen Organisierung unfähig erwies und den Befehlen der Zaddike blind gehorchte, anderesteils führte zu einem Zusammenbruche der Kahalorgansation. Was die nordwestlichen Gebiete anbetrifft (Litauen und das an Rußland abgegangene Galizien), wo die sieh an das Rabbinertum anlehnende Kahalpartei über die chassidische die Oberhand gewann, unterlag die Kahalorganistion dem allgemeinen Entartiingsprozeß, der Polen zur Zeit der Teilungen ergriff. In der Ausbeutung doi# armen, arbeitenden Volksmasse stand die jüdische Plutokratie den polnischen Gutsherren keineswegs nach; wie die polnische Gutsheniichkeit, hielt auch das Rabbinertnm zu den Reichen. Die weltlich»- und geistliche Oligarchie, die in den Kahalorganisationen schaltete und waltete, drangsalierte die Gemeinde durch eine empörend-ungleichmäßige Verteilung der Staats- und Gemeindesteuern, indem sie die schwerste Last den unvermögenden Gesellschaftsschichten aufbürdete und sie an den Rand eines völligen Ruins brachte; die „Parnassinr (die Vorsteher der Kahalorganisationen) und die Rabbiner wurden nicht selten des Wuchers, Erpressung und Entwendung von für gesellschaftliche Zwecke bestimmten Summen überführt. Der von der Kahaloligarchie ausgeübte Druck erreichte einen derartigen Grad von Härte, daß die bedrängten Massen sich oft an die christliche Administration mit Beschwerden über die Satrapen ihres