Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Polen nach der ersten Teilung
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 91 (sequence 6)
- Language
- German
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9t der Zeit aber stellte sich das frühere Umgehen des Gesetzes wieder ein. Auf eine vom Magistrat erhobene Klage hin ging die Administration im Jahre 1784 von neuem daran, Warschau von Juden zu säubern. Vom Ende des Jahres 1788, als die Tagung des Vierjährigen Seims begann, erfuhr die Lage eine Veränderung. Die Juden gelangten schließlich zu der Einsicht: da die Tagung des Seims ununterbrochen andauert, so kann , auch ihr Wohnrecht in der Hauptstadt keiner Beschränkung durch irgendwelche Frist unterliegen^ Und so sammelte sich nun in Warschau eine jüdische Bevölkerung von ein paar tausend Personen an, die sich im Zentrum der Stadt niederließen. Dieser Umstand hat auf die Neuangekommenen die Entrüstung der Kleinbürger und des Magistrats heraufbeschworen, was in der Folge zu einem blutigen Zusammenstoße führte. So kämpften Gesetz und Leben gegeneinander an; das Leben wandelte das Gesetz, welches den Bedürfnissen und Anforderungen des ersteren stracks zuwiderlief, in eine Fiktion um; aber das Gesetz rächte sich zuweilen am Leben durch momentane Schläge. In die acht Millionen zählende Masse der polnischen Bevölkerung wurde eine Million Juden wie ein Keil hineingetrieben, der sich unmöglich wieder hinausdrängen ließ, nachdem er eine ursprüngliche Lücke der fehlenden handelsindustriellen Klasse ausgefüllt und im Veraufe einer Reihe von Jahrhunderten dem Volke der Edelleute und der leibeigenen Bauern als befestigende Klammer gedient hatte. Jetzt suchte ihn ein anderer Keil hinauszudrängen — das christliche bürgerliche Element; aber es vermochte nicht, ihm beizukommen. Allzu eng verwuchs bereits die Judcnheit mit dem wirtschaftlichen Organismus Polens, dem sie in nationaler und geistiger Hinsicht fremd blieb. Hier lag die Tragik der jüdischen Frage in Polen zur Zeit der Teilungen. Das durch die Katastrophe des Jahres 1772 aufgerüttelte Polen drängte nach Reformen. Es entstanden zwei Lösungsmethoden der jüdischen Frage : die eine repressiver Natur, vom alten Geiste der Schlachta durchdrungen, die andere — eine verhältnismäßig liberale, im Geiste „der zwangsmäßigen Aufklärung'4 des Kaisers Joseph II. Die erste fand in dem Seimentwurf des Samojsky (1778—1780), die andere m den dem reformatorischen Vierjährigen Seim (1789) vorgelegten Entwürfen des Butrimowitz und Tschatzky ihren Ausdruck. Der ruhmgekrönte gewesene Kanzler (Andrej Samoisky) — sagt ein polnischer Geschichtsschreiber.— arbeitete das Reglement eher in der Absicht, die Juden loszuwerden, als in der Absicht, sie mit dem Volksorganismus (Polens) zwangsmäßig zu verschmelzen, aus. Das Reglement Samoiskys trägt einen polizeilich-kanonischen Charakter. Den Juden wird das Wohnrecht nur. in jenen Städten gewährt, wo sie auf Grund ehemaliger Vereinbarungen mit den Munizipalbehörden zugelassen werden; was die anderen Städte anbetrifft, so dürfen sie sich dorthin begeben, nur um die daselbst sattfindenden Messen und Versteigeningen zu besuchen. In den Städten müssen sie in besonderen Straßen wohnen, in völliger Absonderung von den Christen. Jeder erwachsene Jude ist verpflichtet, vor der örtlichen Administration