Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Polen nach der ersten Teilung
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 90 (sequence 5)
- Language
- German
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90 der Praxis des Lebens niemals angewendet. Das alte Polen hatte keine besondere „Ansiedelungszone" für die Juden; ihnen wurde bloß der Aufenthalt in einigen „privilegierten41 Städten .verboten. Zu diesen Städten gehörte auch die Hauptstadt Warschau. Von jeher war es den Juden verboten, dort ihren ständigen Wohnort zu haben; es wurde ihnen nur zur Zeit der Seimsitzungen zu kommen gestattet, an denen auch die Handelsmärkte stattfanden. Die Seimkonstitution vom Jahre 1768 bestätigte diese „alte Sitte44 der zeitweiligen Zulassung der Juden in die Stadt Warschau, indem sie es durch den „allgemeinen Nutzen und die Abschwächung der Warenteuerung44 begründete, welche letztere sich immer als Folge des Ausbleibens jüdischer Konkurrenz einstellte. In der Hauptstadt bürgerte sich folgende Ordnung ein: „Zwei Wochen vor der Eröffnung des Seims befahl der Kronmarschall der Stadt, durch Posaunenstöße zu verkünden, daß es den ankommenden Juden gestattet ist, Handel und Gewerbe zu treiben, und zwei Wochen nach Abschluß der Seimsitzung wurde ebenfalls durch Posaunenstöße kundgegeben, daß nun der Zeitpunkt gekommen ist, wo die Juden die Stadt zu verlassen haben; die Zögernden wurden durch polizeiliche Gewalt aus der Stadt gejagt.44 Am nächsten Tag kehrten jedoch die Fortgejagten als Neuangekommene unter verschiedenen Vorwänden in die Stadt zurück und hielten sich dort einige Wochen auf, indem sie dabei die Marschallaufseher durch Vergütung für sich gewannen. Dann führte der Kronmarschall Lubomirsky ein System von Karten zum Preis von je einem Silbergroschen die Karte ein, die jeder neu ankommende Jude einzulösen hatte, und die diesen alsdann zu einem fünftägigen Aufenthalte in der Hauptstadt berechtigte; ohne eine solche Karte wagte kein Jude sich auf der Straße zu zeigen. Und bald stellte es sich heraus, daß diese Aufenthaltsgebühren dem Marschall eine jährliche Einnahme von ungefähr 200 000 Gulden (polnische) sicherte. Als einigo hohe Beamte, die im Besitze vieler Viertel der Stadt Warschau waren, die Möglichkeit vor sich sahen, auf Kosten der jüdischen Rechtlosigkeit sich zu bereichern, gestatteten sie den Juden, für eine bestimmte Vergütung in ihren Besitztümern hinter dem Wall zu wohnen. Und so kam es, daß sich eine ganze Ansiedelung bildete, die unter dem Namen „Das neue Jerusalem44 bekannt war, Die christlichen Kleinbürger der Stadt Warschau erhoben ein Jammergeschrei: sie forderten die strikte Anwendung jenes Gesetzes, das den beständigen Aufenthalt der Juden in Warschau verpönte. Lubomirsky ergriff harte Maßnahmen gegen die Juden, ohne dem Einspruch der hochgestellten Hausbesitzer und selbst der Fürsprache des Königs irgendwelche Beachtung zu schenken: am 22. Januar des Jahres 1775 wurden die Juden aus Warschau vertrieben, ihre Wohnungen im Neuen Jerusalem wurden zerstört, alle ihre Waren wurden nach dem Zeughaus und den Kadcttenkasernen zum Ausverkauf geschafft. Das war ein harter Schlag für die industrielle jüdische Bevölkerung, die sich auf diese Weise .vom politischen und kommerziellen Zentrum des Landes abgeschnitten sah. Man sah sich wieder gezwungen, mit vorübergehenden Aufenthalten für die kurze Dauer der feeimsitzungen sich zufrieden zu geben; mit