Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Polen nach der ersten Teilung
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 89 (sequence 4)
- Language
- German
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89 Herberge; nur den jüngsten Sohn Leisia nahm ich zu mir auf die Meierei und befahl, ihn im Katechismus und in den Geboten-zu'unterrichten." Man zwang den Knaben, das Zeichen des Kreuzes zu machen und Schweinefleisch zu essen; und nur die Ankunft von Juden aus Berditschew, die die Schuld des ruinierten Pächters bezahlten, errettete den Vater vom Gefängnis und den Knaben von der gewaltsamen Taufe. AVas drängte die jüdische Masse zu diesem niedrigen Gewerbe der Pacht- und der ländlichen Schankwirtschaft? Die Juden, die ein Achtel der gesamten polnischen Bevölkerung ausmachten, lieferten die Hälfte der gesamten Handwerkerschaft des Staates und drei Viertel der Vermittler im Ausfuhrhandel (in der Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte — der von Holz, Flachs, Fell und verschiedenen Rohstoffen). Aber alle diese Beschäftigungen reichten augenscheinlich als Nahrungsquellen nicht aus, den Lebensunterhalt zu sichern. Die Zünfte und Gilden, in denen sich nicht wenige Deutsche befanden, nahmen ebensowenig in Polen, wie im Westen jüdische Handwerker und Handelsleute in ihre Organisationen auf, wodurch ihr Tätigkeitsbereich äußerst eingeengt wurde. Von diesen Kleinbürgern und Kaufleuten, die in der Zusammensetzung der Munizipalitäten überwogen, hing in den meisten Städten das Recht ihrer jüdischem Konkurrenten auf Handel und Gewerbe ab. Es gewinnt den Anschein, als sei die Seimkonstitution des Jahres 1768, die die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden in den Städten unter die Kontrolle der Munizipalitäten stellte, von diesen letzteren diktiert worden: „Sintemal die Juden den Städten und den städtischen Bürgern unerträgliches Unrecht antun und ihnen die Nahrungsmittel entziehen . . . beschlossen wir: daß die Juden in allen Städten und Städtchen, wo sie keine besonderen, von der Konstitution bestätigten Vorrechte besitzen, sieh gemäß den mit den Städten geschlossenen Verträgen aufzuführen haben, ohne sieh dabei große Rechte unter Gefahr harter Strafen anzueignen." Selbstverständlich kamen alle solche „Vertrüge" seitens der christlichen Industriellen auf die gesetzliche Unterbindung oder Einschränkung der örtlichen jüdischen Konkurrenz hinaus. Auf diese Weise erwies es sich, daß die Urheber der Seimkonstitution, die Gutsbesitzer und Städter, selber die Juden aus den Städten verdrängten und in das Gebiet der ländlichen Pacht- und Schankwirtschaft hineintrieben. Die nach der ersten Teilung Polens erlassene Seimkonstitution des Jahres 1775, die das oberste Regicrungsorgan, „der ständige Rat14 (Rada nieustajaca) instituiertc, vergrößerte den Betrag der von den Juden erhobenen Kopfsteuer (anstatt zweier — drei Gulden von jeder Seele beiderlei Geschlechts, von den Neugeborenen beginnend); zugleich damit machte sie den Versuch, die jüdischen Eheschließungen gesetzlich zu normieren, wenn sie auch dabei nicht nach dem harten westeuropäischen Muster verfuhr. Den Rabbinern wurde es untersagt, zur Eheschließung alle solche Personen zuzulassen, die keine vom Gesetz bewilligte Beschäftigung, sei es Gewerbe, Handel, Ackerbau oder Anstellung, hatten, und die nicht imstande waren, die Quellen, ihres Lebensunterhaltes anzugeben. Übrigens wurde dieses Gesetz in