Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 77

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Das babylonische Exil
Date
1917-11-10
Page
Seite 77 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2908689-2908714-2908718-2910344--1249-2910386
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

77 Die weitverbreitete aramäische Verkehrssprache ist in der ganzen ersten stattlichen Epoche den Juden fremd. „Sprich doch deine Worte aramäisch, denn wir verstehen, und rede nicht mit uns jüdisch (oder judäisch) in den Ohren des Volkes auf der Mauer!" ersuchen König" Hiskias Abgesandten den Lästerer und Großsprecher Rabsakeh, den Bevollmächtigten Sancheribs (Könige IL 18,26). Erst im großen Babylonischen Völkerverkehr — in Babylonien war Aramäisch ebenso verbreitet wie Babylonisch — ist Aramäisch Umgangssprache der breiten jüdischen Volkskreise geworden. Die bezeugten zahlreichen Mischehen haben ja diesen Sprachwandel sehr begünstigt. Mit den „fremden Frauen" kam auch* die fremde Sprache. „Die Kinder — sie reden halb Asdodisch und verstehen nicht zu sprechen Jüdisch! („Jehudit"!) klagt Nehemia (13, 24). Nun, die „fremden Frauen" wurden „mit Gewalt entfernt" die fremde Sprache aber, deren Aufnahme in die „Gemeinde Jahwes" nicht untersagt wurde, konnte ungehindert sich ausbreiten und im Volksleben Wurzel fassen, so daß sie sich bald anschicken konnte, die nationale Sprache nicht nur im Leben, sondern auch im Schrifttum aus dem Felde zu schlagen. In Babylon ist das ursprüngliche Bauemvolk zum Handelsvolk geworden. Die in der hellenischen Epoche einsetzende Massenauswanderung von Juden aus ihrem Heimatsland, die nicht auf inneren oder äußeren Zwang, sondern auf freien Antrieb zurückzuführen ist, wäre bei einem wirklich bodenständigen Volke kaum denkbar. Sie setzt bereits eine stark entfaltete Handelsbefähigung und einen „Handelsgeist" voraus. Die Zahl der Judenheit Ägyptens im Jahrhundert vor dem Untergang des zweiten- Staatswesens, die zum überwiegenden Teil aus eben dieser Auswanderung herrührte, wird von Philo (in Flaccum, 6) auf eine Million angegeben. „Sie wären in zahllosen (^vQtai) Städten Europas, Asiens, Lybiens, auf den Festländern und auf den Inseln, am M.eer und im Binnenland angesiedelt", meint er von den Juden dieses Zeitraums. Es war nicht leicht einen Ort der bewohnten Erde zu finden, welcher nicht von diesem Geschlecht bewohnt und beherrscht (!) war. zitiert Joscphus aus Strabo, Das nämliche bezeugt ein gegen Ende des zweiten Jahrhunderts abgefaßtes Sibyllenorakel. Und Hieronymus: „Sie wohnen von Meer zu Meer, vom Brittanischeu bis zum Atlantischen Ozean, von Westen zu Süden, von Norden zu Osten, auf der ganzen Welt". Man denke, welche gewaltige, unwahrscheinliche Dimensionen diese Auswanderungsbewegung aus Palästina seit der hellenischen Epoche angenommen haben mußte. Wann sind nun die Juden Händler geworden? Zu welcher Epoche und unter welchen Umständen hat sich diese Wandlung des Wirts chafts Charakters des Agrarvolkes vollzogen? Bruno Bauer 5), der diese Frage zuerst aufgeworfen hat, glaubt des Bätsels Lösung in der Annahme zu finden, daß die Juden vom Hause aus, bereits im vorexilischen Zeitraum, ein Handels.volk waren. Der Agrargesetzgebung Mosis käme bloß die Bedeutung einer Utopie zu. Die Ansicht vom Handels Charakter der jüdischen Wir tschaftges ellschaft 8) Christus und die Cäsaren. Der Ursprung des Christentums aus dem römischen Griechentum. Berlin 1877.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.