Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Das babylonische Exil
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 76 (sequence 2)
- Language
- German
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76 Worin bestand nun diese durchgreifende Umwandlung? Am augenfälligsten und mächtigsten tritt sie wohl innerhalb des religiösen Vorstellungskreises in die Erscheinung. Im Jahrhundert zwischen dem Propheten Jeremia und dem Sofer Esra vollzieht sich die gewaltigst«, rätselvollste Wendung des Volksgeistes, die je Ereignis ward: die Abkehr vom Polytheismus zur Idee der göttlichen Einheit. In zweiter Linie steht das nicht weniger einzigartige Phänomen einer sprachlichen Metamorphose: die sich ebenfalls in Babylonien vollziehende Verdrängung der bisherigen hebräischen Volkssprache durch die Aramäische. Endlich aber die Umbildung des wirtschaftlich-sozialen Typus: In Babel wird aus dem ursprünglichen Bauernvolk ein Handelsvolk. Vor der Schwierigkeit einer Erklärung des Rätsels eines religiösgeistigen Wandlungsprozesses zurückscheuend, hat Ernest Renanx) versucht, das Werden der monotheistischen Idee im Judentum überhaupt leugnen und entgegen allem Wissen vom natürlichen Entwicklungsgang des Geistes und namentlich im Widerspruch zu den biblischen Berichten selbst die Behauptung aufgestellt, der Monotheismus wäre urtümliches Volksgut Israels. Eine Widerlegung dieser Annahme ist daher kaum vonnöten. Den Schlüssel zur Lösung des großen Rätsels haben wir heute in der Hand; die Zauberformel lautet: Kongruenz der menschlichen und göttlichen Verhältnisse. Es ist dies das Grundgesetz der Gestaltung des religiösen Weltbildes, wie es im Werden und in der inneren Entfaltung der hellenischen, kanaanitischen und ägyptischen Volksreligion seinen hervorstechendsten Ausdruck findet. Die irdischen Wurzeln des altisraelitischen Polytheismus waren der Stammespartikularismus und die Stammesgegensätze. Die Götter waren Stammesgötter. Mächtlos war das Prophetenwort gegen die naturwüchsige, in der Volkswirklichkeit entsprungene und in der gesamten irdischen Existenz wurzelnde Vorstellung göttlicher Vielheit. Was aber dem Prophetenwort nicht gelang, das schuf die Tat Nebukadnezars. Die Exilierung hat dem alten Stammespartikularismus ein jähes Ende gesetzt — die Vielheit der Götter schwand mit der Vielfältigkeit, der Zerklüftung der menschlichen Verhältnisse. Die göttliche Einheit war der Ausdruck der nationalen Einheit. Als es nur ein Volk gab, ward auch Gott Eins. Kein Zweifel, daß sich der Wechsel der Volkssprache in Babylonien vollzogen hat. Wo sonst? Die rätselvolle und einzigartige Erscheinung der in den folgenden Jahrhunderten zutage tretenden Verdrängung der hebräischen Volkssprache durch ein fremdes Idiom hat so frappiert, daß man die Vermutung wagte, das Hebräische wäre niemals Umgangssprache der weiten Volksschichten gewesen.2) Ernst ist natürlich diese Anzweiflung nicht zu nehmen. Die Propheten, die Volksredner, sprachen in Jehuda sowohl wie in Ephraim hebräisch. x) Nouvelles Considerations sur le charactere des peuples semitiques et en porticulier sur leur tendence au monath&sme (Extrait du Journal Asiatique, 1859). *) Ed. Naville, Archeology of the Old Testament. Was the Old Testament written in Hebrew? London, Robert Scott, 1913.