Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Jüdische Geschichte und jüdische Geschichtsschreibung
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 74 (sequence 6)
- Language
- German
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74 das Organ für das Verständnis irdischer Kausalverknüpftheitie). Auch der heutig ,' Jude ist, wenn auch ganz und gar nicht im praktischen Leben, so"doch in seiner Weltanschauung dieser Auffassung recht nahe, zumal der gläubige. Der Orthodoxe muß die Anwendung des EntwicMungsbegriffs auf jüdische Dinge ablehnen. Mit der Vorstellung der Unverändertheit der Lehre seit Moses ist verknüpft die Vorstellung von der Unverändertheit des jüdischen Menschen. .Äußere Schicksale der einzelnen, Beziehungen zur nichtjüdischen Umwelt sind nicht Stadien einer Entwicklung, sondern vergleichbar dem Auf- und Abwogen der Wellen des Meeres; sie zu erforschen ist zwecklos, weil ohne Erkenntniswert. Anfang und Ende stehen im Weltonplan fest. Das menschliche Geschehen und besonders das Ergehen des Volkes Israel ist metaphysisch bedingt, die innere Verknüpftheit der Geschehnisse als Offenbarungen göttlicher Absichten interessiert daherhöchstens teleologisch, nicht kausal. Der Jude hat die religiöse Pflicht, sich selbst als von Gott aus Ägypten' herausgeführt vorzustellen17). Alles den Ahnen Widerfahrene erlebt der Enkel als eigenes Schicksal. Die Vergangenheit wird erlebte Gegenwart, die überlieferte GeschichtsaufTasung ist Religion, die Geschichtsorzählung in Glaubensbekenntnis und Gebet verflochten (Man vergleiche zur Anschaulichkeit etwa das persönliche Verhältnis eines heutigen Deutschen zu den Taten und Zeitgenossen Hermanns des Cheruskers!) Vom Metaphysischen ins Ethische gewandt erzeugt dieses Erleben des Vergangenen als Gegenwärtiges den Grundsatz „alle Israeliten haften für einander", ein Satz, der nicht nur für die Zeitgenossen, sondern auch im Verhältnis der Enkel zu den Ahnen gilt. Der Jude empfindet sein Unglück als Strafe für die „Schuld der Väter", aber er erfleht auch Gnade um des „Verdienstes der Väter" willen. Abgeschwächt wirken diese Gedanken und Gefühle auch in den modernen Juden. Graetz' Geschichte z. B. ist nicht, was sie will und soll: eine genetische Darstellung der Entwicklung des jüdischen Volks, sondern als Ganzes gesehen ein Bekenntnis, eine geschichtsphilosophischo Deutung: er sieht in den erstaunlichen Geschicken dieses alten und ewig jungen Volkes die Verwirklichung göttlicher Ideen,, ein überirdisches Walten. Aber auch in der Behandlung der Einzelereignisse beeinflußt bei ihm wie bei den meisten anderen jüdischen Historikern polemische und apologetische Tendenz nicht nur die Darstellung, sondern schon die Stoffauswahl und Quellenkritik10). So stark ist auch in den modernen Juden das Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit für die Taten der Vorfahren, daß sie immer noch die Geschichte als persönliche Angelegenheit empfinden, wie denn auch niemand so wie der Jude von den anderen ia) Vgl. H e r z b e r g, Artikel „Geschichte" bei Ersch und Gruber, S. 356. In der Geschichte der Könige findet er „eine Art von religiösem Pragmatismus". 17) Mos. II, 18,8; V, 6,23; Mischn. Pesachim 10,21. JM) Das jüdische Kind lernt, Gott für die glücklichen Geschichtsereignisse als ihm persönlich erwiesene Wohltaten zu danken. 10) Dies gilt z. B. auch von Dr. J, F r e u n d s Darstellung der preußischen Judenomanzipation.