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Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 75

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Jüdische Geschichte und jüdische Geschichtsschreibung
Date
1917-11-10
Page
Seite 75 (sequence 7)
Language
German
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75 Völkern für die Taten der Vorfahren haftbar gemacht wird20). Auch hinsichtlich der alten Geschichte hat der moderne Jude eine Abneigung' gegen Forschungen, die die doch noch als Bestandteil seiner persönlichen Existenz empfundene nationalo Originalität der geistigen Inhalte des Judentums zu erschüttern drohen. So treibt er auch hier entweder Apologetik oder — enthält sich der Forschung überhaupt, um sich dem Konflikt zwischen seinem wissenschaftlichen und seinem nationalen Gewissen zu entziehen. So fühlt sich der Jude als Erbe seiner Vergangenheit und verantwortlich für ihre Weitergabe an die Zukunft, Er, der — national gesehen — der geschichtlichste der Menschen ist, ist wissenschaftlich um so ungeschichtlicher. Der nationale Wille lenkt den historischen Intellekt. Er kann Geschichte seines Volkes als seine höchstpersönliche Angelegenheit nur cum ira et cum studio schreiben. Diese Feststellung — ein wissenschaftliches Todesurteil für die jüdische Geschichtsschreibung — ist ein Zeugnis für die Lebendigkeit der jüdischen Geschichte und ihres Trügers, des jüdischen Volks. Vielleicht wird das jüdische Volk dem Tod verfallen sein, wenn in der Mehrzahl der Juden wahrhafter historischer Sinn für ilvre Vergangenheit lebendig geworden sein wird, denn diese Änderung würde an die Grundlage seines Seins greifen. Vielleicht! Würde er aber nicht auch diese Änderung überleben, der viel gewanderte und gewandelte, der ewige Jude? Das babylonische Exil Von Leo Rosenberg, Berlin 2Tj|pj|in kurzer Zeitraum von wenig mehr als ein Halbjahrhundert liegt ^IlP§ zwischen Nebukadnezar und dem Perserkönig Cyrus und als tUSsErtf ein .volles Jahrhundert zwischen Jeremia und Esra — und doch welche ungeheuere Wandlungen, welche Umwälzung von Grung aus! Kaum wiederzuerkennen ist das Volk. Das Geschlecht, das ins Land der Väter heimkehrte, hat nichts, aber auch nichts als das Blut und das Stammesgefühl mit jenem gemeinsam, das nach Babylon zog. Die Welt- und Lebensanschauung, das gesamte geistig-sittliche Gepräge des Volkstums haben in einem halben Jahrhundert einen Wechsel, eine Umwertung erlitten, wie sie die Geschichte keines Volkes und keiner Epoche aufweist. Aber die geistigkulturelle Art nicht allein: auch im Bereich der wirtschaftlichen und 'sozialen Lebenserscheiriungen war eine tiefgreifende, umwälzende Wandlung vor sich gegangen. Auch das Charakterb.ild des materiellen Seins der Volkheit weist völlig neue Züge, eine überraschende Umgestaltung und Veränderung auf. 20) Vgl. die christliche Legende vom- Schuster Ahasver, der für Christus' Zurückweisung durch ewiges Wandern büßen muß und als „ewiger Jude1' Symbol des jüdischen Volkes wird.

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