Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Jüdische Geschichte und jüdische Geschichtsschreibung
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 73 (sequence 5)
- Language
- German
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73 Völker, ein geistiges und körperliches Sichverbinden mit Fremden, ein Hinneigen zu fremden Göttern, fremden Weibern, fremden Sitten, ein gut Teil des jüdischen Geschehens verquickt mit babylonischem, ägyptischem, griechischem Tatbestand; auch die alte jüdische Geschichte ist, methodologisch ausgedrückt, verständlich nur als Darstellung eines Ve r quick ungstatbes tan des13). So ist die jüdische Gesamtgeschichte ein Besonderes. Ihr charakteristischer Zug ist die wunderbare Verquickungsfähigkeit, das stete Sichselbstbehauplen und Sicherneuern des winzigen Volkes. Einzelforschung hat hier noch Großes zu leisten, ehe ein Geschichtsschreiber eine wirkliche Gesamtansicht des in Wandern und Wandel, ewigen Juden wird liefern können. H. Wird ein jüdischer Geschichtsschreiber uns dieses Bild entwerfen? Im Verlaufe dieser Untersuchung war mehrmals die Rede von der Unzulänglichkeit der Leistung gerade der jüdischen Geschichtsforschung im Gegensatz zur christlichen31)- Diese Beobachtung hat mehr als nur Kuriositätswert. Das Problem der jüdischen Geschichtsschreibung hängt methodologisch eng mit dem soeben behandelten Problem der jüdischen Geschichte zusammen. Daß der Jude, der in jeglicher Wissenschaft Großes leistet, gerade auf dem Gebiet der eigenen Geschichte vielfach Unzulängliches hervorbrachte, kann nur teilweise erklärt werden mit seiner rationalistischen und konstruktiven Veranlagung, die ihn wohl zu pragmatischer Geschichtsschreibung befähigt, ihm aber die genetische erschwert. Das eigentartige Verhalten des Juden als Gesehichsschreiber beruht auf einem tieferen und besonderen Zusammenhang zwischen jüdischem Wesen und jüdischer Geschichte. Das jüdische Volk stand von je dem jüdischen Geschehen nicht mit demjenigen Erkenntnisbedürfnis gegenüber, das die erkenntnistheoretische Voraussetzung der modernen Geschichtswissenschaft ist, der Wissenschaft, die die einzelnen Tatsachen in ihrem Entwicklungszusammenhang kausal erforscht und darstellt. Das jüdische Geschehen ist den Juden nicht objektiver Stoff außerhalb seiner selbst, die Geschichte seines Volks ist s e i n e Geschichte, ein Stück seiner Existenz; eine bestimmte Auffassung dieser Geschichte seine Weltanschauung15). Irgendwie gilt dies für die Juden aller Zeiten und Richtungen, selbst auch noch für den wissenschaftlich gebildeten neuen Juden, und gerade für ihn; denn er kann darum nicht aufhören, Jude zu sein, weil er sich als Personifikation seiner Vergangenheit fühlt. Dem Verfasser der biblischen Geschichtsbücher war das menschliche Geschehen Ausfluß eines ständigen Walten Gottes; es fehlt ihm fast J3) Vgl. Feucht wanger, a. a. 0,, S. 21. 34) Ich möchte nicht so verstanden werden, als leugnete ich, daß die jüdische Wissenschaft irgend etwas Wertvolles geleistet habe. Ihre verdienstlichen Forschungen, besonders auf literaturgeschichtlichem Gebiet, sind fraglos. Die Mängel ergeben sich aus den Ausführungen zu I. 15) Vgl. Fr an kl in Monatsschr. f. Gesch. usw., 1851, S. 8 ff., S. 203 ff.